Hannsmann-Poethen Literaturstipendium 2016 - Dokumentation der Aufführungen

Um das Hannsmann-Poethen Literaturstipendium 2016 hatten sich dreizehn Künstler-Tandems beworben. Trägerinnen waren die Autorin Gerhild Steinbuch und die Komponistin Jagoda Szmytka.

Der Aufenthalt in Stuttgart

Von September bis Dezember 2016 lebten und arbeiteten die Autorin Gerhild Steinbuch im Stuttgarter Schriftstellerhaus und die Komponistin Jagoda Szmytka bei Musik der Jahrhunderte im Theaterhaus Stuttgart.

Während des künstlerischen Prozesses in Stuttgart entwickelten die Stipendiatinnen die Idee, zwei Kunstwerke zu realisieren, ein Live-Hörspiel und ein Musiktheater, bei denen jeweils die eine bzw. die andere Künstlerin die Federführung innehaben sollte. An den zu behandelnden Ausgangsthemen wie Gewalt, Selbst-Findung, Aggression, die sich an Strawinskys berühmten Musiktheater Die Geschichte vom Soldaten orientierten, wollten beide Stipendiatinnen festhalten.

Kooperationen

Bei Arbeit vor Ort ergaben sich wichtige Kooperationen mit vier Stuttgarter Kultureinrichtungen

Die live-Übertragung durch den SWR2 und die finanzielle Unterstützung des Senders spiel-ten dabei ebenso eine wichtige Rolle.

"Die Zusammenarbeiten waren allesamt sehr konstruktiv und kooperativ. Wir wurden in unserer Arbeit unterstützt und Infrastruktur wurde bereitgestellt." (Gerhild Steinbuch).

Arbeitsweise der Stipendiatinnen

Jagoda Szmytka konzentriert sich in ihrer künstlerischen Arbeit auf die Beziehung zwischen Kunst, Musik und Leben. Sie ist dabei stets auf der Suche nach Interaktionen. Die Stücke beschäftigen sich meist mit dringlichen Fragen und Problemen unserer Zeit, wobei sie beim Aufgreifen von aktuellen gesellschaftsrelevanten Themen eine Technik entwickelt, die sie als Künstlerin und Komponistin seit einigen Jahren nachgeht: Sie arbeitet an einem Thema und sucht den Kontakt zu den Menschen, um sich dem Gegenstand aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern.

In Stuttgart diskutierte sie mit jungen Menschen über Themen wie Aggression, Gewalt, permanente Selbstinszenierung und Selbstoptimierung.

Die Erfahrung, die Sie in den intensiven Gesprächen machte, bezeichnete Jagoda Szmytka als äußerst inspirierend und wertvoll. Die Interviewten zeigten große Bereitschaft und Interesse, am künstlerischen Prozess mitzuwirken. Den Aufenthalt in Stuttgart bezeichnete Jagoda Szmytka als eine sehr wichtige Station in ihrer künstlerischen Laufbahn. Sie war erfreut über das kreative, interessierte Umfeld. Die Bedingungen und Unterstützung durch Musik der Jahrhunderte waren für ihre Arbeit ideal.

Gerhild Steinbuch kam vor allem über die Stadtbibliothek am Mailänder Platz, in der sie anfangs täglich gearbeitet hat, in Kontakt mit Stuttgarter Einwohnern. So hat sie sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennengelernt, als auch Menschen, die selbst dort gearbeitet haben.

Eine zweite Berührung mit der Stadt waren das Theater Rampe und das ECLAT Festival. Gerhild Steinbuch hat rückblickend festgestellt, dass sich Verbindungen auch in Stuttgart über die praktische Arbeit ergeben haben. Diese Kontakte hat sie als künstlerisch befruchtend und wertvoll empfunden. "Die Möglichkeit woanders und außerhalb der eigenen Routinen zu arbeiten hilft sehr beim kon-zentrierten Arbeiten. Stuttgart ist auch eine völlig andere Umgebung als Berlin, hat ein anderes Tempo", bemerkte Gerhild Steinbuch.

Aufführungen in Stuttgart

Gerhild Steinbuch war in einer Mikrolesung in der Stadtbibliothek zu hören und zu sehen. Außerdem zeigte das Theater Rampe eine Vorschau ihres während des Stipendium entstandenen Werkes "Friendly Fire".

Die beiden Stipendiatinnen Steinbuch und Szmytka gewährten zudem Einblicke in ihre Arbeiten bei einem gemeinsamen Werkstattgespräch im Schriftstellerhaus.

Beide Werke wurden vom SWR beim ECLAT Festival für Neue Musik am 4. Februar 2017 uraufgeführt und live vom SWR2 übertragen.

Das künstlerische Resultat

Beide Künstlerinnen reizten bei den Werken "Friendly Fire" und "DIY or Die" die Möglichkeiten verschiedener Genres (Literatur, Musik, Schauspiel) aus.

Der spartenübergreifende Charakter war deutlich verankert.

An der Aufführung beider Werke war das Ensemble "MAM manufaktur für aktuelle musik" beteiligt.

Pressestimmen

"Das Verschwimmen von digitaler und analoger Welt, die Auflösung der Privatheit und der Zwang zur Selbstinszenierung im Netz - all das treibt diese Generation um. (...) In »DIY or DIE« konfrontiert die Komponistin Jagoda Szmytka die scheinbar grenzenlose Freiheit der Millenial-Generation mit ihrer inneren Isolation. Das alles in einer wilden Vaudeville-Revue. Schriftstellerin Gerhild Steinbuch wiederum schickt in ihrem Livehörspiel "Friendly Fire" ein zur Soldatin mutier-tes Riot-Girl auf die Reise ins finstere Herz des Deep Web". (Reutlinger Generalanzeiger)

"Dass die Jugend Lust auf Vernetzung, auf das Spiel mit Genres und auf das Ausreizen der Möglichkeiten der digitalen Medien hat, beweist sie an vier Tagen im Theaterhaus. So zeigt am Eröffnungsabend beispielsweise Jagoda Szmytka die Sehnsüchte und Abgründe, die mit unend-licher Freiheit und Grenzenlosigkeit verbunden sind. (...). Genau der Kontrast zwischen klassi-schen Formaten und modernen, multimedialen Projekten ist es, der den Zauber des Eclat-Festivals ausmacht." (LIFT)

"Erstmals war das Hannsmann-Poethen Literaturstipendium der Landeshauptstadt Stuttgart zu Gast bei Eclat. Die Jury hatte zwei Werke ausgewählt, deren Ästhetik wie ein Fremdkörper im Neue-Musik-Festival wirkte, aber dennoch ins performative Konzept des Jahrgangs 2017 pass-te." (nmz)