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Oberbürgermeister Kuhn überreicht Bürgermedaille an Landesrabbiner i. R. Berger - Kuhn: "Sehr viel für die Verständigung der Religionen geleistet"

20.10.2017 Ehrungen
Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat am Freitag, 20. Oktober, die Bürgermedaille der Landeshauptstadt Stuttgart an Landesrabbiner i. R. Dr. h. c. Joel Berger überreicht. Mit der Medaille wird das langjährige Engagement Bergers für die christlich-jüdische Zusammenarbeit und Verständigung gewürdigt.

Oberbürgermeister Kuhn überreicht Bürgermedaille an Landesrabbiner i. R. BergerOberbürgermeister Fritz Kuhn (links) überreichte die Bürgermedaille an Joel Berger. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski "Sie haben sehr viel geleistet für die Verständigung der Religionen und hatten dabei immer eine klare Haltung: Religionen sollten Ihrer Ansicht nach ihre Eigenheiten behalten und ihre Eigenständigkeit bewahren", sagte OB Kuhn. "Untereinander sollten sich Religionen aber mit großem Verständnis begegnen und miteinander im Austausch stehen. Der interreligiöse Austausch in Stuttgart ist sehr rege, was auch ein großer Verdienst von Ihnen ist. 2007 haben Sie die jüdischen Kulturwochen in Stuttgart gestartet, die sich seitdem hervorragend entwickelt haben und noch immer existieren. Sie wecken mit den jüdischen Kulturwochen Neugier und Verständnis für die jüdische Kultur und sind damit im Herzen der Stadtgesellschaft."

"Ich bin sehr beeindruckt und sehr bewegt von der heutigen Ehrung", sagte Joel Berger. "Ich denke in diesem Moment auch an meine Gemeinde in Stuttgart, in der ich über 20 Jahre lang dienen durfte. 1968 bin ich als Verbannter in diese Stadt gekommen und mir wurden Möglichkeiten und Perspektiven eröffnet, die ich vorher nie geahnt hätte. Vielen Dank für die hohe Ehre."
Joel Berger trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Er zitierte einen Bibelabschnitt aus Jeremia 29,7: "Suchet den Frieden der Stadt#"

Über Joel Berger

Jozsef György (Joel) Berger wurde am 7. September 1937 in Budapest geboren. Dort aufgewachsen, erlebte er bereits in seiner Kindheit die in den 1930er-Jahren von Ungarn erlassenen antijüdischen Gesetze sowie die Verfolgung und den Völkermord an den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus mit. In seiner eigenen Familie kamen 40 Mitglieder ums Leben.

Nach Kriegsende absolvierte Berger eine Feinmechanikerlehre und begann 1955 Jura, Geschichte und Pädagogik zu studieren. 1957 wechselte er in das Rabbinerseminar in Budapest, wo er das orthodoxe Rabbiner-Diplom erlangte und bei verschiedenen Verlagen angestellt war. 1968 emigrierte er in den Westen, nachdem er viermal vergeblich versucht hatte, ohne Reisepass illegal nach Israel auszureisen. Als Rabbiner war Berger in Regensburg, Dortmund, Düsseldorf, Göteborg, Bremen und schließlich Ende der 1970er-Jahre in Stuttgart tätig.

Von 1985 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 war Dr. h.c. Joel Berger Landesrabbiner für Württemberg mit Dienstsitz in Stuttgart. Er war zeitweise auch Sprecher der Rabbinerkonferenz Deutschland. Während seiner fast 20-jährigen Amtszeit als Landesrabbiner hat sich Berger mit großem Einsatz und sehr erfolgreich für die Integration der jüdischen Zuwanderer aus Osteuropa engagiert.

Besuchsprogramm für ehemalige jüdische Mitbürger

Für die Stadt Stuttgart hat er sich ganz besonders im Rahmen des von 1983 bis 2001 jährlich durchgeführten Besuchsprogramms für ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verdient gemacht. Der Religionsunterricht der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), deren Mitglieder und Familien über ganz Württemberg zerstreut lebten, war Berger eine Herzensangelegenheit.

Darüber hinaus vertrat Joel Berger sowohl die IRG Württemberg wie auch die IRG Baden von 1998 bis 2013 ehrenamtlich im Rundfunkrat des SWR sowie in der Landesanstalt für Kommunikation und bereicherte die werktäglich landesweit im Rundfunk ausgestrahlten Denkanstöße mit Beiträgen von jüdischer Seite. Über seine mahnenden, mit Humor gespickten, geistreichen Beiträge ist er für viele Menschen zu einem beliebten und geachteten Botschafter für das Judentum geworden.

Berger engagiert sich auch für die Erforschung der jüdischen Geschichte Baden-Württembergs. So lehrte er viele Jahre an der Universität Tübingen am Lehrstuhl für Empirische Kulturwissenschaft. Ferner ist er seit 2003 eng mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg verbunden und berät regelmäßig die Verantwortlichen in Fragen zur deutsch-jüdischen Geschichte.

Als Kurator der Jüdischen Kulturwochen verantwortet er zusammen mit seiner Ehefrau Noemi, mit der er seit 1970 verheiratet ist und zwei Kinder hat, seit 2007 die Programmgestaltung der Veranstaltungsreihe, mit der Begegnung und Dialog zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung gefördert werden.

Im Ruhestand ehrenamtlich aktiv

Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand ist Berger ehrenamtlich aktiv. So vermitteln er und seine Frau in der Fortbildungsstätte der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Bad Kissingen Neuzuwanderern die jüdischen Traditionen. Berger ist Mitglied des Schiedsgerichts beim Zentralrat der Juden in Deutschland sowie Herausgeber der Zeitschrift "UDIM" der Rabbinerkonferenz.

Dr. h.c. Joel Berger engagiert sich in herausragender Weise für den interkulturellen Dialog. Es gelingt ihm einerseits Verständnis für das Judentum zu schaffen und andererseits herauszuarbeiten, wie Unterschiede zu den anderen Religionen begründet sind und doch ihre Berechtigung haben. Damit trägt er dazu bei, Vorurteile abzubauen und wirbt für Respekt gegenüber Andersgläubigen.

Nach der Satzung über die Stiftung der Bürgermedaille der Stadt Stuttgart kann der Gemeinderat Persönlichkeiten, die hervorragende Leistungen vollbracht haben und in Stuttgart geboren oder mit Stuttgart in besonderer Weise verbunden sind, durch die Verleihung der Bürgermedaille ehren. Zuletzt wurde diese Medaille Professor Dr. theol. h. c. Helmut Rilling (2001), Dr.-Ing. Wendelin Wiedeking (2003), Wolfgang Dauner (2005), Professor Dr.-Ing. e. h. Berthold Leibinger und Dr. Gerhard Lang (2011) verliehen.