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Otto-Hirsch-Auszeichnung an Dr. Michael Volkmann verliehen

19.02.2018 Ehrungen
Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat dem Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Dr. Michael Volkmann, am Montag, 19. Februar, die Otto-Hirsch-Auszeichnung überreicht. Mit seinem Einsatz für die Verständigung zwischen Christen und Juden habe Volkmann "einen wichtigen Beitrag zur Friedensarbeit geleistet", betonte Kuhn im vollbesetzten Großen Sitzungssaal des Rathauses.

Otto-Hirsch-Auszeichnung an Michael Volkmann überreichtOberbürgermeister Fritz Kuhn (rechts) überreicht in Beisein von Professorin Barbara Traub (Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs IRGW) die Otto-Hirsch-Auszeichnung an Pfarrer Dr. Michael Volkmann. Foto: Lichtgut/Leif PiechowskiDie Otto-Hirsch-Auszeichnung wird jährlich gemeinsam von der Landeshauptstadt Stuttgart, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Stuttgart verliehen. In seiner Würdigung des Trägers der diesjährigen Auszeichnung hob OB Kuhn die Bedeutung von Toleranz und Verständnis als Grundlage eines jeden Dialogs hervor - von Christen und Juden, aber ebenso mit Muslimen oder Menschen ohne Glaubensbekenntnis. "Das heißt: auch wenn man selber etwas nicht richtig findet, verstehen wollen, was der andere meint."

Förderer des christlich-jüdischen Dialogs

Mit seiner Arbeit als landeskirchlicher Beauftragter für das Gespräch zwischen Christen und Juden wirke Michael Volkmann aktiv gegen Antisemitismus: "Wer das Judentum versteht, wer im Dialog ist, tut sich viel schwerer, den anderen anzugreifen." Auch als Mitbegründer des Stuttgarter Lehrhauses habe Volkmann "sehr wertvolle Arbeit für die Stadt, für die Kirchen und für das Judentum geleistet", so der Oberbürgermeister, der abschließend bekannte: "Ich verbeuge mich vor Ihrer Arbeit."

Professorin Barbara Traub vom Vorstand der IRGW überbrachte in ihrer Ansprache auch die Grüße des erkrankten Bürgermeisters Dr. Martin Schairer, dem evangelischen Vorsitzenden der GCJZ. Mit einem Zitat von Albert Einstein, der sechs Jahre jünger als Otto Hirsch war, unterstrich sie die Bedeutung des Dialogs zwischen Christen und Juden und auch mit dem Islam: "Frieden kann nicht durch Druck erzwungen, er kann nur durch Verständigung erreicht werden." Volkmann vermittle ein authentisches Bild von der Vielfalt des Judentums und zeichne sich durch große Unvoreingenommenheit aus.

In seiner kurzen Rede zeigte sich Michael Volkmann sehr bewegt und dankte der Stadt "für den wunderbaren Abend". Nun sei er mit Stuttgart nicht nur durch seine Geburt, sondern auch durch die Otto-Hirsch-Auszeichnung verbunden. Zu der besonderen Atmosphäre der Feier trugen auch die beiden Künstler Jochen Brusch an der Violine und Alexander Reitenbach am Flügel bei. Sie spielten Werke des polnischen Komponisten Henryk Wieniawski sowie der frühen israelischen Musik von Joseph Achron und Paul Ben Haim.

Nach dem neuen Film von Silke Stürmer und Stefan Adam "Wie ein Baum an Wasserbächen. Jüdisches Leben in Württemberg" hielt Prälatin Gabriele Arnold die Festansprache des Abends. So wie sich Volkmann bei der Landeskirche bedankt hatte, die ihm seine Arbeit ermögliche, sah Arnold in der Otto-Hirsch-Auszeichnung auch eine Anerkennung für die Landeskirche. Gerade in einer Zeit wieder aufkommender antisemitischer Äußerungen und Angriffe sei es "unbedingt notwendig weiterzumachen und allen antijüdischen Entwicklungen zu widersprechen", sagte Arnold.

Die Prälatin wies darauf hin, dass zu den 32 bisherigen Trägern der Otto-Hirsch-Auszeichnung nun fünf württembergische Pfarrer zählen. Die ersten drei - Fritz Majer Leonhardt (1987), Albrecht Goes (1991) und Rudolf Pfisterer (1992) - seien "mutige Einzelkämpfer" gewesen. Joachim Hahn (2009) und Michael Volkmann zeigten, dass sich der Prozess der Verständigung inzwischen auf einer anderen Grundlage vollziehe. 2018 werde an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnert. "Da gilt es, Stellung zu beziehen", forderte Arnold und zeigte die Entwicklung in den zweimal 40 Jahren nach dieser Nacht auf, vom Verschweigen und Wegducken bis zu den Erklärungen der Landessynode seit 1988, die Respekt, Aufgeschlossenheit und einen Dialog auf Augenhöhe forderten, bis hin zur Beschäftigung mit dem Judentum als zentralem Teil der Ausbildung von Pfarrern und der ausdrücklichen Distanzierung vom Antisemitismus Luthers im vergangenen Jubiläumsjahr. "Das muss zum Standardwissen auf allen Ebenen werden", so Arnold, "und Vorbild auch für die Beziehungen zu anderen Religionen sein."

Michael Volkmann

Michael Volkmann ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und seit 2003 landeskirchlicher Beauftragter für das Gespräch zwischen Christen und Juden sowie Geschäftsführer der Arbeitsgruppe "Wege zum Verständnis des Judentums". Von 2006 bis 2015 war er Vorsitzender der "Konferenz landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden" (KLAK), die 2017 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet wurde. Außerdem gehörte er von 2006 bis 2012 dem Gemeinsamen Ausschuss "Kirche und Judentum" der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK) an. Seit 2001 ist er Ehrenmitglied der Jüdischen Gemeinde in Tübingens russischer Partnerstadt Petrosawodsk.

Geboren 1954 in Stuttgart, erfuhr Michael Volkmann schon als Kind im Elternhaus vom Zusammenhang zwischen dem Volk Israel aus den biblischen Geschichten, dem von den Nazis verfolgten jüdischen Volk und dem neuen Staat Israel. Seit dem Sechstagekrieg 1967 interessiert ihn das Geschehen im Nahen Osten. 1975 bis 1976 arbeitete er als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel. In seinem Theologiestudium in Tübingen und Berlin legte er den Schwerpunkt auf die christlich-jüdischen Beziehungen. Im Pädagogikstudium entdeckte er die jüdische Erwachsenenbildung im 20. Jahrhundert als Forschungsgebiet, verknüpft mit den Namen Franz Rosenzweig, Martin Buber und Ernst Simon. Er promovierte zum Thema "Neuorientierung in Palästina. Erwachsenenbildung deutschsprachiger jüdischer Einwanderer 1933-1948" und erhielt wiederholt Lehraufträge für jüdische Erwachsenenbildung an den Universitäten Tübingen und Jena.

Mit seiner Frau, der Pfarrerin Angelika Volkmann, teilte er von 1992 bis 2003 die Pfarrstelle der Tübinger Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. 1996 ermöglichte er mit dem Pfarrer i.R. Dankwart Paul Zeller (gestorben 2010) durch die Aktion "Eine Torarolle für die Juden in Petrosawodsk" die Gründung einer Synagogengemeinde in der russischen Partnerstadt. Seitdem besteht eine christlich-jüdische Partnerschaft zwischen beiden Gemeinden mit jährlichen Kontakten. 2001 ernannten die jüdischen Freunde Zeller und Volkmann zu Ehrenmitgliedern ihrer Gemeinde.

Als Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden (bis 2009 im Kloster Denkendorf, seit 2010 in Bad Boll) veranstaltet Volkmann in Zusammenarbeit mit einem großen Kreis von jüdischen Lehrern Toralernwochen, Fortbildungskurse und Studienreisen. 2010 beteiligte er sich an der Gründung des Stuttgarter Lehrhauses, einer Stiftung für den interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. Dieser neue Arbeitsschwerpunkt in Stuttgart ist mit dem wöchentlichen Toralernkreis in Kooperation mit dem "forum jüdischer bildung und kultur e.V.", Studiennachmittagen, Symposien und Lehrhausfesten ein spannendes interreligiöses Praxisfeld, zu dem auch Haus Abraham e.V. und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart e.V. beitragen. Im neu eröffneten Hospitalhof hielt Volkmann Vorträge und Seminare zu Martin Bubers 50. Todestag und über die Reformation und die Juden. Er begleitet die Aktivitäten der IRGW seit vielen Jahren und greift Themen, die auch die IRGW bewegen, in seinem Newsletter "Ölbaum online" auf. Die mehr als 110 Ausgaben seit 2005 ergeben zusammen eine Chronik des christlich-jüdischen Dialogs in den vergangenen dreizehn Jahren.

Otto-Hirsch-Auszeichnung

Mit der Otto-Hirsch-Auszeichnung werden Persönlichkeiten, Gruppen oder Initiativen geehrt, die sich in besonderer Weise um die interreligiöse Zusammenarbeit vor allem zwischen Christen und Juden verdient gemacht haben. Landeshauptstadt Stuttgart, Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) und Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) verliehen die Auszeichnung von 1985 bis 2012 in Form einer Medaille. Seit 2013 erhalten die Geehrten eine von der Künstlerin Christine Braun gestaltete Skulptur aus transluzentem Beton, durchzogen von optischen Fasern. Sie nehmen bestehende Lichtquellen auf und leiten sie durch den Beton. Die Form ist offen gehalten, kann als Grundstein oder Mauerelement gesehen werden, als Schrifttafel, Buch, Rosettastein oder Teilstück eines gemeinsamen Hauses.

Otto Hirsch

Otto Hirsch kam am 9. Januar 1885 in Stuttgart zur Welt. Er besuchte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig, Berlin und Tübingen. Nach seiner Promotion 1912 begann er seine Tätigkeit bei der Stadt Stuttgart. Als Ministerialrat im württembergischen Innenministerium war er 1921 Mitbegründer der Neckar-Aktiengesellschaft, wurde jedoch 1933 von den Nationalsozialisten aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen. Bereits 1926 gründete er mit seinem Freund Leopold Marx das Jüdische Lehrhaus Stuttgart und wurde 1930 Präsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Als Geschäftsführender Vorsitzender der Reichsvertretung der Deutschen Juden (1933-1941) setzte er sich unter schwierigsten Bedingungen für die verfolgten Juden ein. Mit seiner Hilfe konnten zehntausende Juden nach 1933 durch Auswanderung gerettet werden. Otto Hirsch wurde im Februar 1941 zum dritten Mal verhaftet und am 19. Juni 1941 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.

Weitere Informationen auf www.stuttgart.de/otto-hirsch-auszeichnung.