Presse
  •  

Rechnende Bürgermeister - Geld, Macht und Erinnerung im vormodernen Stuttgart

08.05.2019 Kultur
Der Erste Bürgermeister Dr. Fabian Mayer eröffnet am Mittwoch, 15. Mai, um 18 Uhr die Ausstellung "Rechnende Bürgermeister - Geld, Macht und Erinnerung im vormodernen Stuttgart" im Stadtarchiv Stuttgart, Bellingweg 21. Nach der Eröffnung werden die Kuratoren Dr. Katharina Beiergrößlein, Dr. Bettina Kunz und Dr. Jürgen Lotterer in die Konzeption der Ausstellung einführen. Die Ausstellung ist vom 16. Mai bis 20. Oktober zu sehen.

'Marktplatz mit Rathaus', Carl GaugerVergrößernCarl Gauger, 'Marktplatz mit Rathaus', um 1815, kolorierte Aquatinta. Das Blatt entstand zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zeigt das Rathaus aber so, wie es schon in der Frühen Neuzeit ausgesehen hat. Es stand an der Stelle des heutigen Rathauses, war jedoch wesentlich kleiner. Gegenüber den Schlossbauten tritt es nur relativ dezent aus dem Stadtbild hervor. Quelle: Stadtarchiv Stuttgart 9050/00634aCarl Gauger, 'Marktplatz mit Rathaus', um 1815, kolorierte Aquatinta. Das Blatt entstand zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zeigt das Rathaus aber so, wie es schon in der Frühen Neuzeit ausgesehen hat. Es stand an der Stelle des heutigen Rathauses, war jedoch wesentlich kleiner. Gegenüber den Schlossbauten tritt es nur relativ dezent aus dem Stadtbild hervor. Quelle: Stadtarchiv Stuttgart 9050/00634aWas haben ein Kerbholz und ein Stifterportrait aus dem 17. Jahrhundert gemeinsam? Beide dienten als Gedächtnisstütze. Das Holz half dem Stuttgarter Schmied Jakob Adlung, bei der Stadt Ende der 1570er-Jahre  erbrachte Leistungen abzurechnen. Das Bildnis von Bürgermeister Wolff Friedrich Lindenspür (1581-1651) sorgte dafür, seine großzügigen Stiftungen für die Stadtgesellschaft sichtbar festzuhalten. Beide Objekte sind in der neuen Ausstellung des Stadtarchivs Stuttgart zu sehen.

Sie stehen beispielhaft für zwei Dimensionen von "Gedächtnis", dem Notieren von Geschäften, Schulden und Forderungen, sowie dem Entwurf eines personenbezogenen Bildes für die Mit- und Nachwelt. Das Stadtarchiv lässt mit dieser Ausstellung spannende und wenig bekannte Aspekte Stuttgarts in der Vormoderne lebendig werden.

Städtische Obrigkeit im 17. Jahrhundert

Im Mittelpunkt der Ausstellung "Rechnende Bürgermeister - Geld, Macht und Erinnerung im vormodernen Stuttgart" stehen Stuttgarts Bürgermeister der Frühen Neuzeit. Anders als im heutigen Verständnis und Sprachgebrauch waren sie nicht die gewählten Oberhäupter einer Kommune. Zwar bekleideten sie das wichtigste Amt des städtischen Magistrats, waren aber - wie heute die Kämmerer - vor allem für die kommunale Finanzverwaltung zuständig. Zusammen mit Schultheiß oder Vogt sowie Gericht und Rat bildeten die "rechnenden" und die "gemeinen" Bürgermeister die städtische Obrigkeit.

Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts vertraten die Bürgermeister der Amtsstädte zudem die Ämter und Städte auf dem württembergischen Landtag. Sie waren auch Beisitzer des herzoglichen Hofgerichts.

Der Quellenbestand

Die Arbeit der rechnenden Bürgermeister hat sich insbesondere im Bestand 170 "Bürgermeisterrechnungen" des Stadtarchivs Stuttgart niedergeschlagen. Der Bestand umfasst beinahe 50 Regalmeter Rechnungsunterlagen und reicht vom frühen 16. bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Dass er heute noch zur Verfügung steht und somit einen Einblick in den Alltag und die Lebensbedingungen, sowie die Wirtschaft und Gesellschaft der Residenzstadt Stuttgart ermöglicht, kann als großer Glücksfall gewertet werden. Häufig wurden solche vermeintlich einförmigen Massenakten wie Rechnungsbände und die dazugehörigen Beilagen bereits im 19. Jahrhundert vernichtet.

Die im Bestand 9050 "Dokumentation historisches Bild" enthaltenen Gemälde und Graphiken ermöglichen es außerdem, einigen Bürgermeistern im Porträt gegenüberzutreten. Das Stadtarchiv wird in naher Zukunft sowohl den Bestand "Bürgermeisterrechnungen" als auch große Teile der Porträts aus dem Bestand "Dokumentation historisches Bild" digitalisieren. Auf diese Weise können die einmalig
wertvollen Quellenbestände Fachleuten und Öffentlichkeit weltweit zugänglich gemacht werden. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mitfinanziert.

Geld, Macht...

Im Regelfall teilten sich zwei Ratsmitglieder die Würde der sogenannten rechnenden Bürgermeister. Sie führten die Rechnungen in persönlicher Verantwortung, quittierten Einnahmen, verantworteten Ausgaben und prägten dadurch zugleich die finanzielle Seite der Politik in der Residenzstadt mit.

Die überlieferten Rechnungen geben detailreich Aufschluss über Bauprojekte, Feste und Kriegslasten, aber auch über laufende Ausgaben und Einnahmequellen der Stadt. Als historische Dokumente sind die Bürgermeisterrechnungen ein kostbarer, noch kaum ausgewerteter Quellenschatz zur Geschichte Stuttgarts. Sie  werden auf ihre Inhalte hin untersucht und um interessante  Fundstücke aus den dazugehörigen Beilagen sowie weiteren  Zeugnissen der bürgermeisterlichen Amtsausübung wie Rappellbüchern, Quittungen und Partikularrechnungen ergänzt.

... und Erinnerung

Die Rechnungen und die dazugehörigen Beilagen dienten in erster Linie als Gedächtnisstütze sowie als Nachweis für geleistete oder noch zu leistende Zahlungen. Mit ihnen legten Menschen Zeugnis über ihre täglichen Geschäfte ab. Der eingangs erwähnte Schmid notierte seine für die Stadt erbrachten Leistungen auf Kerbhölzern, welche sorgfältig der Abrechnung beigelegt wurden. Somit hinterließ er darin ebenso seine Spuren wie die Bürgermeister, die die Rechnung führten.
KerbhölzerKerbhölzer des Stuttgarter Schmiedes Jakob Adlung, 1578. Jakob Adlung war 1573 aus Kuchen nach Stuttgart zugewandert. Um den Umfang seiner erledigten Schmiedearbeiten zu dokumentieren, verwendete er längs gespaltene Holzstücke. Über den Spalt hinweg wurden darin Kerben eingeritzt. Nach Abschluss des Geschäfts verblieb ein Stück bei jeder Partei, auf städtischer Seite wurden die Hölzer den Rechnungen als Beleg beigegeben. Quelle: Stadtarchiv Stuttgart 170/99, Foto: Volker Naumann
Als Mitglieder der städtischen Oberschicht versuchten manche Bürgermeister außerdem, die Erinnerung an die eigene Person sehr bewusst mitzugestalten. Zahlreiche weitere schriftliche und bildliche Zeugnisse wie prachtvolle Amtsporträts, Siegel mit Familienwappen oder die Familienchronik einer Stuttgarter Bürgermeisterdynastie, belegen das Bedürfnis, das eigene Handeln als Amtsträger gleichwie als Bürger Stuttgarts zum Ausdruck zu bringen und späteren  Generationen zu überliefern.

Öffnungszeiten

Ausstellung "Rechnende Bürgermeister - Geld, Macht und Erinnerung im vormodernen Stuttgart" im Foyer des Stadtarchivs Stuttgart, Bellingweg 21, Laufzeit 16. Mai bis 20. Oktober 2019. Öffnungszeiten analog zu den Öffnungszeiten des Lesesaals: Montag 9 bis 13 Uhr, Dienstag/Donnerstag/Freitag 9 bis 16 Uhr, Mittwoch 9 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Weitere Informationen und www.stuttgart.de/stadtarchiv.