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Neue Namen für Straßen und Plätze

23.05.2019 Aktuelles
Der Verwaltungsausschuss hat am 22. Mai beschlossen, mehrere Straßen und Plätze neu zu benennen.

Bruddlerstaffel

"Bruddle" ist eine Eigenschaft, die den Schwaben gerne nachgesagt wird. Nach dem Schwäbischen Wörterbuch in der Ausgabe von 1904 bedeutet "brudle" unter anderem "widerwärtig brummen, murren, 'sprudeln', seine Unzufriedenheit halblaut zu verstehen geben". Dementsprechend ist ein "Brudler" (oder "Bruddler" nach neuerer Schreibweise) ein "Brummer, Schimpfer". Die sinnhafte Verwandtschaft zur Bedeutung "brodeln, sprudeln oder sieden" liegt dabei auf der Hand. Auf Anregung eines Bürgers hat der Bezirksbeirat Mitte beschlossen, die Staffel von der Kernerstraße 59 zur Jugendherberge als Bruddlerstaffel zu benennen. Mit der Bruddlerstaffel soll die schwäbische Charaktereigenschaft des Bruddelns festgehalten werden.

Töpferplatz

Neu im Stadtplan wird künftig auch der Töpferplatz sein. Zurzeit wird das Areal Rathausgarage hinter dem Rathaus in Stuttgart-Mitte neu gestaltet. Die ehemalige Rathausgarage ist einem Gebäude gewichen, in dessen Erdgeschoss Laden- und Gastronomieflächen entstehen, in den weiteren Stockwerken wird die Stadtverwaltung mit Büros einziehen, ganz oben entsteht eine Kindertagesstätte. Mit der Bebauung werden die Außenflächen attraktiver gestaltet, so dass in unmittelbarer Verlängerung der Töpferstraße ein Platz entsteht. Dieser Teil der Eichstraße zwischen Nadlerstraße 21 und Rathauspassage 2 wird künftig Töpferplatz heißen, um damit an das Handwerk der Töpfer zu erinnern.

Gerberplätzle

Der Therese-Huber-Platz in Stuttgart-Mitte hieß nur kurze Zeit nach der 1764 geborenen Schriftstellerin und Redakteurin, die als Streiterin für weibliche Bildungsmöglichkeiten und für qualifizierte Berufsausübung für Frauen kämpfte. Am 11. Juli 2018 hatte der Gemeinderat nach der Beschlussempfehlung durch den Bezirksbeirat beschlossen, die Fläche nördlich der Gebäude Gerberstraße 14 und 16, die bislang im Volksmund Gerberplätzle genannt wurde, nach Therese Huber zu benennen. Unmittelbar nach der Beschlussfassung wurde im vergangenen Jahr aus den Reihen der Anwohner des Platzes Unmut geäußert, da der Ort die Keimzelle des Gerberviertels sei und auch offiziell so heißen solle, um dessen Identität zu wahren.

Im Oktober 2018 fand deshalb ein Vororttermin mit Anwohnern und der Bezirksvorsteherin statt. Dabei wurde vereinbart, das Thema Umbenennung des Platzes im ersten Quartal 2019 erneut im Bezirksbeirat zu diskutieren. In seiner Sitzung am 8. April 2019 beschloss der Bezirksbeirat, den Therese-Huber-Platz in Gerberplätzle umzubenennen. Gleichzeitig soll geprüft werden, ob ein Teil der Straße "Unter der Mauer" in Therese-Huber-Gasse umbenannt werden kann. Die verwaltungsinterne Prüfung hierzu benötigt noch etwas Zeit.

Clara-Ritter-Straße

Eine weitere Straßenbenennung betrifft Bad Cannstatt. Im Bereich des Bebauungsplans Benzstraße muss eine neu entstehende Straße benannt werden. Sie liegt südlich des verlegten Teilbereichs der Benzstraße. Als Straßennamen hat der Bezirksbeirat Bad Cannstatt Clara-Ritter-Straße vorgeschlagen.

Clara Ritter gilt als Erfinderin der Schokolade im quadratischen Format. Geboren wurde die Fabrikantin am 2. Dezember 1877 in Tomerdingen bei Ulm als Clara Göttle. Sie und ihre sieben Geschwister mussten häufig auf Kosten des Schulbesuchs in Land- und Gastwirtschaft helfen. Trotzdem konnten Clara und ihre Schwester eine Ausbildung zur Verkäuferin in einem Feinkostgeschäft machen.

Clara Göttle eröffnete um 1900 mit ihrer Schwester ein Süßwarengeschäft in der Bahnhofstraße in Cannstatt, wo Reisende auf dem Weg zur Bahn eine kleine Stärkung einkaufen konnten. Damit legte sie den Grundstein für die Schokoladendynastie Ritter-Sport. Sie war kreativ, risikofreudig, und ein Schokoladengeschäft war in Cannstatt ein gutes Investitionsobjekt. Mit Schokolade, die im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Statussymbol des Adels und des gehobenen Bürgertums geworden war, wollte Clara Göttle in ihrem fein ausgestatteten Laden die wohlhabende Kundschaft der Bäderstadt erreichen.

Am 4. Juli 1912 heiratete sie den Konditor Alfred Ritter. Kurz darauf gründete das Ehepaar in Cannstatt die Schokoladen- und Zuckerfabrik Ritter. In der Sodener Straße wurde produziert und gleich nebenan gewohnt. Der Hausflur diente als Warenlager. Der Sohn Alfred, der 1914 geboren wurde, erinnerte sich daran, dass seine Mutter ganz fürs Geschäft lebte. Verkauf, Kundschaft und Werbung hatten Vorrang, den Haushalt überließ sie zwei Hausangestellten. Die Firma expandierte: am 27. Februar 1919 kaufte das Ehepaar ein rotes Backsteingebäude in der Wilhelmstraße16 - das Stammhaus der Schokoladenfabrik Ritter. Weitere Geschäfte wurden in der Marktstraße und der Bahnhofstraße eröffnet.

1926 hatte der Betrieb 80 Beschäftigte und einen eigenen Verkaufslastwagen. 1930 verlegten die Ritters ihren Standort der Größe wegen nach Waldenbuch. Direkt neben der Fabrik lag ein Sportplatz. Clara Ritter mit ihrem Blick für Kundenbedürfnisse erkannte, dass der Schokoladen-Imbiss, den Sportler und Zuschauer sich auf dem Weg zum Fußball bei Ritters kauften, eine ungünstige Form hatte. "Machen wir doch eine Schokolade, die in jede Jackentasche passt, und die das gleiche Gewicht hat wie die normale Langtafel."

Damit war 1932 das Quadrat als Firmensymbol erfunden und "Ritter's Sport-Schokolade" wurde zum Verkaufsschlager. Die Firma expandierte, Clara Ritter jedoch blieb bescheiden. Bis zu ihrem Tod stand die von ihren Angestellten verehrte Seniorchefin jeden Tag in ihrem Lädle neben der Fabrik. Den weltweiten Erfolg der Ritter-Sport-Schokolade erlebte sie nicht mehr. Clara Ritter starb am 15. März 1959.

Jörg-Zink-Platz

In Möhringen wird im ehemaligen Hansa-Areal ein neu entstehender Platz hinter der Sigmaringer Straße 119 nach einem Beschluss des Bezirksbeirats Jörg-Zink-Platz heißen. Jörg Zink wurde am 22. November 1922 auf dem Habertshof bei Schlüchtern-Elm geboren. Seine Eltern starben früh, 1925 und 1926. Nach dem Abitur in Ulm diente er bei der Luftwaffe als Bordfunker. 1944 überlebte er den Abschuss seines Flugzeugs über dem Atlantik und kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Weihnachten 1945 durfte er nach Hause zurückkehren. Nach seiner Freilassung studierte er Philosophie und Theologie an der Universität Tübingen.

Am Ende seines Studiums heiratete er 1950 Heidi Daur. Das Ehepaar zog nach Stuttgart in das Pfarrhaus seiner Schwiegereltern. Während der Ehe wurden drei Töchter und ein Sohn geboren. Neben seiner Tätigkeit als Vikar in Stuttgart im Jahr 1951 unterrichtete er von 1952 bis 1955 als theologischer Lehrer am Tübinger Stift und promovierte in Hamburg.

Nach zwei Jahren als Pfarrer in Esslingen arbeitete er von 1957 bis 1961 als Direktor des Burckhardthauses in Gelnhausen und Berlin, das zugleich auch die Zentrale der Evangelischen Kirche in Deutschland für Mädchenarbeit war. Dort pflegte er Kontakte zu den evangelischen Kirchen in der DDR und begann mit der Übersetzung biblischer Texte, da Jugendliche seiner Ansicht nach den Zugang zur Luthersprache nur schwer finden konnten. 1965 erschien seine eigene Bibelübersetzung, die auch als Jörg-Zink-Bibel bekannt ist.

1969 begann seine Mitarbeit für die Deutschen Evangelischen Kirchentage bis 2011, wo er ab 1970 regelmäßig als Redner auftrat. Für sein Lebenswerk erhielt er 2004 den Predigtpreis des Verlags der Deutschen Wirtschaft.

Von 1961 bis 1980 war Jörg Zink Fernsehbeauftragter der Württembergischen Landeskirche im Süddeutschen Rundfunk und sprach unter anderem über hundertmal das Wort zum Sonntag in der ARD. Ab 1980 engagierte er sich als einer der wichtigsten Sprecher für die Friedens- und Ökologiebewegung und wurde im selben Jahr Gründungsmitglied der Partei Die Grünen. Für sein Engagement wurde er sowohl 1983 mit dem Bundesnaturschutz-Preis ausgezeichnet und 2015 mit dem Ehrentitel Professor geehrt.

Die rund 300 von ihm verfassten religiösen Sachbücher erzielten eine Auflage von mehr als 17 Millionen Exemplaren. Ab den 1970er-Jahren bereiste Jörg Zink Länder des Nahen Ostens, insbesondere Israel, und produzierte (ab 1980 als freier Publizist) Filme und Bücher über die Religionsgeschichte und Kultur dieser Länder. Er war Mitbegründer der Jugendfarm in Stuttgart und hat sie mehrere Jahre finanziell unterstützt. Jörg Zink starb am 9. September 2016 in Stuttgart.