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Stadt Stuttgart vergibt Hannsmann-Poethen-Literaturstipendium 2020

22.11.2019 Kultur
Wie klingt die Stadt von morgen? Was macht der Klang mit unserer Wahrnehmung? Und kann man den zukünftigen Sound beeinflussen? Diesen Fragen gehen die Autorin Daphne Dragona und die Künstlerin Sofia Dona nach. Für ihr transdisziplinäres Projekt Macho Sounds / Gender Noise erhielten sie das Hannsmann-Poethen-Literaturstipendium der Landeshauptstadt Stuttgart 2020.

Hannsmann-Poethen-Literaturstipendium 2020Die Hannsmann-Poethen-Literaturstipendiantinnen Daphne Dragona (r.) und Sofia Dona. Foto: Adam Berry (r.), privat (l.)Eine Fachjury entschied in ihrer Sitzung am 23. Oktober über die Vergabe des spartenübergreifenden Stipendiums an die beiden Künstlerinnen. Um das Stipendium hatten sich 66 Künstler-Tandems beworben. Daphne Dragona und Sofia Dona werden sich von Januar bis April 2020 in Stuttgart aufhalten, im GEDOK-Haus wohnen und arbeiten.

Das Hannsmann-Poethen Literaturstipendium wird im zweijährigen Turnus an ein Künstlertandem vergeben. Es umfasst einen Förderbetrag von 15.000 Euro sowie die Mietkosten für einen dreimonatigen Aufenthalt in Stuttgart.

Als stimmberechtigte Jurorinnen und Juroren nahmen an der Sitzung zur Vergabe teil: Kulturjournalistin und Autorin Adrienne Braun, die Intendantin Musik der Jahrhunderte und Leitung des Festivals ECLAT, Christine Fischer, Uta-Maria Heim, Autorin und Hörspiel-Redakteurin des SWR, Prof. Boris Michalski, Professor für Medienproduktion und kreatives Projektmanagement an der Hochschule für Medien in Stuttgart, Prof. Elisabeth Schweeger, Geschäftsführerin und Direktorin der Hochschule für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, sowie die zuständige Fachreferentin für Literatur im Kulturamt, Eva-Maria Rembor.

Projektvorhaben

Macho Sounds / Gender Noise lenkt den Fokus darauf, wie unsere Geschlechterwahrnehmung durch künstlich erzeugte Klänge, die in heutige Technologien eingebettet sind, beeinflusst wird. Ausgangspunkt sind die von der Automobilindustrie entwickelten Sounds für Elektroautos der Gegenwart und der selbstfahrenden Autos der Zukunft - Akustik, die den Automotor nachahmt sowie künstliche Stimmen, die für GPS-Systeme oder KI-Software konstruiert werden.

Ausgehend von ihrer These, dass Sounddesignerinnen und -designer bei ihrer Arbeit einen männlichen Fahrer im Blick haben, fragen die Stipendiatinnen kritisch: Was bedeutet diese Annahme und die Produktion der damit verbundenen Fake-Sound für den Rhythmus und das Gefühl einer Stadt? Können längst etablierte Formen der Geschlechterverzerrung im Zeitalter der verstärkten Automatisierung in Frage gestellt und verändert werden? Was ändert sich, sobald autonome Elektroautos - lautlos oder mit stilisiertem Klang - als neue Akteure den sozialen Raum betreten? Ihr Ziel ist eine Debatte über geschlechterspezifische Entwicklung von neuen Technologien, um die Reproduktion von Stereotypen und Vorurteilen zu vermeiden.

Daphne Dragona und Sofia Dona nähern sich dem Thema literarisch-künstlerisch. In einem begehbaren Raum mit Text-Videoinstallationen beschreiben sie zeitgenössische Machtformen und welche Rolle geschlechtsspezifische Technologien dabei spielen. Menschliche Stimmen, maschinelle Klänge, fiktive und reale Geschichten fließen zu einer neuen Erzählung zusammen - inspiriert von Stuttgarter Sounds der Gegenwart, Literaturrecherche, Archivmaterial, Studien und ausgiebiger Feldarbeit.

Als Großstadt, die für ihre High-Tech-Automobil- und Maschinenbauindustrie bekannt ist, biete Stuttgart hervorragende Voraussetzungen für ihre künstlerische Arbeit und theoretische Forschung, so die Stipendiatinnen. Über die Veränderungen, die Automatisierungs- und Sound-Design-Technologien mit sich bringen, lasse sich hier ideal spekulieren und nachdenken.

Begründung der Jury

"Das Gender-Thema ist derzeit in aller Munde; Daphne Dragona und Sofia Dona trotzen ihm einen spannenden, bisher noch unberücksichtigten Aspekt ab", so die Begründung der Jury für ihre Entscheidung. "Man darf gespannt sein, welche geschlechtsspezifischen Sounds sie aufstöbern, und wie die Stipendiatinnen in ihrer begehbaren Kunstinstallation jene von Designerinnen und Designern konstruierten Klänge erlebbar machen, die unsere Wahrnehmung womöglich stärker prägen als geahnt. Das Vorhaben ist in der Autostadt Stuttgart genau richtig angesiedelt", heißt es in der Begründung weiter.

"Daphne Dragona überzeugt mit ihrer Wahl der Gattung, des Essays - die literarische Gattung der Gegenwart: assoziativ - offen - subversiv. Sie ist radikal in ihren neuen Formen, sie unterwandert das festgefügte Denken, sie schafft Freiräume und Freiheiten. Sofia Dona punktet zudem mit ihren ausgesprochen interdisziplinären, oft ortsspezifischen Arbeiten, die etablierte Alltagsvorstellungen verzerren und sowohl entlarvend als auch poetisch sind."

Die Stipendiatinnen

Daphne Dragona ist Autorin und Kuratorin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit künstlerischen Praktiken und Methoden, die zeitgenössische Machtformen herausfordern. Ihr aktuelles Interesse gilt offenen, experimentellen und kollaborativen Formaten in Forschung, Texten und künstlerischer Produktion. Ihre Artikel sind in verschiedenen Büchern, Zeitschriften, Magazinen und Ausstellungskatalogen von Springer, Sternberg Press und Leonardo Electronic Almanac veröffentlicht. Ihre Ausstellungen wurden im Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (Athen), Aksioma (Ljubljana), Onassis Stegi (Athen), Le Lieu Unique (Nantes) und Laboral (Gijon) gezeigt. Dragona war von 2015 bis 2019 Kuratorin der transmediale-Konferenz in Berlin. Sie promovierte an der Fakultät für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Athen. Daphne Dragona lebt in Berlin.

Sofia Dona ist Künstlerin und Architektin. Sie studierte Architektur an der Nationalen Technischen Universität in Athen und "Kunst im Öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien" an der Bauhaus-Universität Weimar. In verschiedenen Städten der Welt, darunter Athen, Leipzig, Detroit, Los Angeles, Pisa oder im Grenzgebiet von Tijuana und San Diego, realisierte sie Projekte im Bereich zwischen Architektur und Kunst. Ihre Installationen, Videoarbeiten, Interventionen und Performances beschäftigen sich mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen. Ihr Interesse gilt insbesondere dem Hinterfragen etablierter Alltagsvorstellungen, den Phänomenen der Vertreibung und den architektonischen Symbolen der Macht. Dona stellte ihre Werke unter anderem im Nationalen Museum für zeitgenössische Kunst in Athen (2014), im Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin (2016), auf der Athen Biennale (2016) sowie in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin (2017) aus. Sofia Dona wurde mit dem Fochr("776")rderpreis 2018 der Stadt München und 2015 mit dem Fulbright-Stipendium ausgezeichnet. Sie lebt in München und Athen.

Weitere Informationen: www.stuttgart.de/hannsmann-poethen-literaturstipendium