Herman de Vries: Sanctuarium, 1993

Wie die Natur langsam den Stadtraum erobert, das ist Thema des Sanctuariums. Dieses errichtete der Künstler Herman de Vries 1993 anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) auf dem Pragsattel. Im Februar 2018 wurde die Vegetation im Sanctuarium stark zurückgeschnitten. Da die Pflanzen nicht gerodet wurden, wird sich die Fläche wieder selbst begrünen. Die Stadt wird dennoch in Absprache mit dem Künstler künftig sicherstellen, dass Rückschnitte in dieser Art nicht mehr durchgeführt werden.

Herman de Vries: Sanctuarium, 1993 (Großansicht)Vergrößern©Wolfram Janzer©Wolfram Janzer

Der Rückschnitt

Das Sanctuarium wurde 1993 im Rahmen der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) errichtet. Bei der Anlage wurde bewusst auf Pflanzungen verzichtet. Im Sanctuarium sollte der Natur freien Lauf gelassen werden. Für die Pflege haben die Landschaftsarchitekten Luz + Partner als verantwortliche Planer der IGA ein Parkpflegewerk verfasst. Laut Konzept sollte die "Entwicklung zum Wald durch regelmäßiges Zurückwerfen der Spontanvegetation auf das Ausgangsstadium unterbunden werden, sobald die Gehölze die Zaunspitze überwachsen haben. Der freie Blick auf die Bastion von der Heilbronner Straße aus soll auf Dauer erhalten bleiben." Für die Zukunft stimmt das Garten-, Friedhofs- und Forstamt mit dem Künstler im Detail ab, wie und wann das Sanctuarium sorgsam und rücksichtsvoll gepflegt werden kann.

Die Absicht des Künstlers

Für gewöhnlich hat ein Zaun die Funktion, das menschliche Hab und Gut zu schützen - aber bei de Vries wird diese Funktion auf den Kopf gestellt. In seinem Sanctuarium schützt ein Zaun symbolisch die Natur vor dem Menschen. Das Kunstwerk Sanctuarium steht im Leibfriedschen Garten auf einem begrünten Winkel zwischen zwei mehrspurigen Straßen. Anlass zur Aufstellung von Herman de Vries' Heiligtum war die Internationale Gartenbauausstellung IGA 1993 in Stuttgart. Das Sanctuarium ist eine von zehn Kunststationen, die auch nach der IGA der Stadt erhalten blieb.

Dort wo die Heilbronner Straße von der Pragstraße abzweigt steht auf einer begrünten Fläche das Sanctuarium von Herman de Vries. Es handelt sich dabei um eine kreisförmig umzäunte Grasfläche, deren Durchmesser elf Meter beträgt. Innerhalb des Zauns erkennt man Unkraut und Gestrüpp, das munter und nonchalant emporwuchert. Struppiges Buschwerk wechselt sich mit kleinen Birken ab und lässt keine Struktur erkennen. Der Zaun ist übermannsgroß (2,85 Meter) und die Stahlstäbe sind in regelmäßigen Abständen im Boden verankert. Die Stäbe sind dunkel und enden oben in pfeilförmigen Spitzen, welche mit Blattgold belegt sind.

Herman de Vries vereint bei seinem Projekt Natur und Kultur. Einerseits ist der Stadtbewohner froh über einen grünen Fleck in seinem Alltag, andererseits darf die Flora in einem städtischen Park keineswegs frei wuchern, sondern muss domestiziert werden.

Bei de Vries wird nicht der Mensch vor der Natur beschützt, sondern de Vries schützt symbolisch die Natur vor dem Menschen. Die speerförmigen Stäbe unterstreicht diese Wirkung der Wehrhaftigkeit. Mit dieser Arbeit von 1993 greift der holländische Objektkünstler ein immer noch aktuelles Thema auf. Der Mensch muss die Natur durch Zäune und Mauern vor sich selbst schützen. Durch diese Kunststation wird den Menschen die eigene Lebensgrundlage vergegenwärtigt.

Das Sanctuarium besticht durch seine zwei Pole: Kultur und Natur, das Unberührte und das Domestizierte. Genau aus diesen beiden Gegensätzen entwickelt sich die innere Spannung dieses Kunstwerkes.

Technische Daten
Künstler Herman de Vries
Titel Sanctuarium
Jahr 1993
Material Stahl, Blattgold
Maße Durchmesser 11 m, Höhe 2, 85 m
Ausführung Schmiederei Fred Schmalz
Standort Leibfriedscher Garten, Stuttgart-Nord
Eigentümer Stadt Stuttgart

Weiterführende Literatur:

  • Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart. Hrsg. Bärbel Küster. Heidelberg 2006.

 
 

Mehr zum Thema

Schlagwörter