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Informieren und entscheiden lassen

Die städtische Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen und Schwangerschaftskonflikte besteht seit 50 Jahren. Leiterin Britta Grotwinkel erzählt aus ihrem Alltag.
Eine Schwangerschaft ist eine Zeit, die mit vielen verschiedenen Gefühlen verbunden sein kann. Vorfreude, aber auch Unsicherheit oder Sorgen. Die städtische Beratungsstelle hilft bei allen Fragen rund um diese Zeit weiter - nicht nur, wenn es um die Frage eines Schwangerschaftsabbruchs geht.

Begonnen hat es 1968. Mitten in einer Zeit, in der um die Selbstbestimmung der Frau heftig gestritten wurde, schuf die Stadt Stuttgart die soziale Beratungsstelle für werdende Mütter. Anfangs nicht ohne ­Widerstand. "Die Beraterin war damals die einzige Abteilungsleiterin unter Männern und musste sich viel erkämpfen", sagt Britta Grotwinkel. Sie spricht mit größtem Respekt von ihren Vorgängerinnen.
Britta GrotwinkelBritta Grotwinkel, Leiterin der städtischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen und Schwangerschaftskonflikte. Foto: Martin Janotta

Zwei Beratungssituationen

Grotwinkel ist seit 2011 Leiterin der städtischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen und Schwangerschaftskonflikte. Fünf Mitarbeiterinnen beraten dort kostenlos und nicht konfessionsgebunden. Die Beraterinnen kümmern sich nicht nur um sogenannte "Konfliktberatungen" zum Schwangerschaftsabbruch. Tatsächlich, sagt Grotwinkel, kämen "Hilfeberatungen", bei denen andere Aspekte im Zentrum stehen, mindestens genauso häufig vor.

Beide Beratungssituationen unterscheiden sich grundlegend. Die Konfliktberatung ist eine Pflichtberatung. Sie ist nach §219 des Strafgesetzbuches für alle Frauen vorgeschrieben, die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken. Frühestens drei Tage nach der Beratung darf ein Arzt oder eine Ärztin den Abbruch vornehmen. Alles spätestens in der zwölften Schwangerschafts­woche. Nur wenn diese Vor­gaben erfüllt sind, bleibt der Abbruch straffrei.

Nicht nur "Kind ja oder nein"

Das klassische Bild einer ungewollten Schwangerschaft - das minderjährige Mädchen, das nicht verhütet hat - stimmt nur bedingt. Die meisten Frauen in der Konfliktberatung sind zwischen 20 und 40. Die Zahl der Ledigen ist etwas höher als die der Verheirateten. Der Anteil der Migrantinnen beträgt etwa 50 Prozent.

In der Regel bleibe es bei Konfliktberatungen bei einem Beratungstermin, der jedoch oft ein tiefes Gespräch beinhalte, sagt Grotwinkel. Denn es gehe nicht nur um die Frage "Kind ja oder nein?", sondern um die ganze Lebenssituation. Die Beraterinnen unterliegen der Schweigepflicht, auf Wunsch können die Frauen anonym bleiben. Die Beratung ist ergebnisoffen, es geht nicht darum, zu belehren oder zu bevormunden. "Ziel ist, dass die Frau selbst die für sie richtige Entscheidung treffen kann", sagt Britta Grotwinkel. Die Beratungsstelle erfährt nicht, welche Entscheidung die Frau schließlich trifft - außer, diese meldet sich danach noch einmal in der Beratungsstelle.

Fragen werdender Eltern

Gänzlich anders ist die Hilfeberatung. Hier geht es meist darum, Frauen und Paare zu beraten, die sich für ein Kind entschieden haben. Da stehen ganz praktische, oft finanzielle Fragen im Zentrum: Elternzeit und Elterngeld, Mutterschutz oder Hebammenhilfe. Die Beratungsstelle zeigt auch oft Fördermöglichkeiten auf, die den Paaren gar nicht bewusst waren. "Uns geht es immer um Hilfe zur Selbsthilfe, aber es gibt Phasen, Übergangszeiten, wie die Schwangerschaft, wo besondere Unterstützung nötig ist", sagt Grotwinkel.

Denn: "Wenn die existenziellen Fragen möglichst früh geklärt sind, können sich Paare um psychosoziale Aspekte kümmern." Etwa, wie die Geburt wohl verlaufen und wie aus einem Paar eine Familie wird. Bis zu einem Jahr nach der Geburt können sich Eltern beraten lassen. Die Beraterinnen arbeiten eng mit anderen Abteilungen und Ämtern zusammen, wie den Frühen Hilfen, dem Jobcenter oder dem Liegenschaftsamt. Denn oft sind es Fragen zur Arbeits- und Wohnsituation, die Eltern umtreiben.

Dabei sind nicht nur die Frauen Zielgruppe der Beratungsstelle. "Wir freuen uns immer, wenn die Männer dabei sind", sagt Britta Grotwinkel. Denn auch für werdende Väter sei die Situation nicht immer einfach. Die Entscheidung über einen Abbruch trifft die Frau. Die Haltung des Mannes kann die Entscheidung aber beeinflussen.

Bei den Hilfeberatungen beschäftigten die Männer etwa Fragen zu Unterhaltszahlungen und Umgangsrecht bei getrennten Paaren oder zu Veränderungen in der Beziehung bei zusammenlebenden Paaren.   

Infos zur Arbeit der Beratungsstelle auch unter www.stuttgart.de/staedtische-schwangerschaftsberatung.

Kontaktaufnahme

Die Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen und Schwangerschaftskonflikte ist bis Herbst unter der Adresse Lange Straße 54 erreichbar, anschließend Hauptstätter Straße 68. Beratungstermine sind nur nach vorheriger Terminvereinbarung möglich. Termine können kurzfristig ausgemacht werden. Die Beratungsstelle ist erreichbar unter Telefon 216-80324, Fax 216-80330 und per Mail an schwanger@stuttgart.de.

Donnerstag, 14.06.2018