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Eine Stadt von Kinderhand gemanagt

Herzlicher Empfang für den "Kollegen" Fritz Kuhn in der unabhängigen Kinderspielstadt Ratzelbach im Cafe Ratz.
Eine Stadt von Kinderhand gemanagtVergrößernBei der Bürgerversammlung wurden die Bürgermeisterwahlen abgehalten - mit OB Fritz Kuhn als Kollegen. Foto: Thomas Niedermüller/Stadt StuttgartBei der Bürgerversammlung wurden die Bürgermeisterwahlen abgehalten - mit OB Fritz Kuhn als Kollegen. Foto: Thomas Niedermüller/Stadt Stuttgart
Oberbürgermeister Fritz Kuhn besuchte am Mittwoch, 1. August, die Kinderspielstadt Ratzelbach im Kinder- und Jugendhaus Untertürkheim. Rund 180 Kinder gestalteten dort eine Woche lang ihre eigene Stadt, lebten und arbeiteten privat, kulturell und politisch in dem "autonomen Gemeinwesen".
 
Absperrseile verhindern den Zutritt zur quirligen Kinderstadt. Denn Erwachsenen ist der ungehinderte Zutritt generell strikt untersagt. Nur in Begleitung von Kindern oder Projektmitarbeitern und an der Hand geführt ist es beispielsweise Eltern erlaubt, ihren Nachwuchs zu besuchen.

Auch der Stuttgarter Oberbürgermeister benötigte eine "Sondererlaubnis" vom zuständigen Bürgerbüro der Stadt: Erst dann durfte OB Kuhn - unter Aufsicht der beiden Führer Zoe (9) und Carl (8) - die Stadt mit ihren zahlreichen "Betrieben" wie etwa einer Bäckerei, Schreinerei, Gärtnerei, einem Krankenhaus, aber auch einem Fernsehsender, Zirkus oder Fotostudio besichtigen und sich mit den Kindern unterhalten. Vom lokalen "Fernsehsender" befragt, musste Kuhn zwar eingestehen, selbst bei keiner Spielstadt mitgemacht zu haben, machte dies jedoch mit dem Hinweis auf seine Pfadfinderfreizeiten wieder wett.
 
Es herrscht eine beinahe familiäre Atmosphäre unter den 180 Kindern und 60 Projektmitarbeitern. Die Führerin Zoe etwa lebt das Jahr über in Valencia, Spanien, und nimmt in ihren Ferien in Deutschland an der Spielstadt teil. Denn auch schon ihr Vater war eifriger Besucher des Projektveranstalters "Cafe Ratz" gewesen.

Und so rekrutieren sich auch viele der meist jugendlichen Ehrenamtlichen aus ehemaligen Spielstadt-Kindern oder auch Jugendräten. Einerseits behütet und andererseits herausgefordert und ohne den Einfluss der Eltern entwickelt sich in der Spielstadt so manches Kind mit der Zeit vom "Mauerblümchen" zum selbstbewussten Macher, erzählte die engagierte Projektleiterin Silvia Rehm dazu.
Bei der abschließenden täglichen Bürgerversammlung wurde der Besucher aus Stuttgart freundlich und mit viel Applaus begrüßt. Der revanchierte sich und sagte: "Ich bin tief beeindruckt von dem, was ich hier gesehen habe, und gratuliere euch zu eurer tollen Spielstadt." Augenzwinkernd überlegte sich Kuhn dann "einige gut funktionierende Teile der Stadt auch in Stuttgart zu übernehmen".

Anschließend durfte der OB die Sieger der Bürgermeisterwahlen verkünden: Viktor (10) und David (11) von der VDP - der Viktor-David-Partei. Was denn das Geheimnis ihres Wahlerfolgs wäre, fragte Kuhn neugierig. Die smarte Antwort: eine versprochene Steuersenkung sowie ein Gewinnspiel, ein Malwettbewerb und ein Fußballturnier.

Natürlich steht ein durchdachtes pädagogisches Konzept hinter dem Kindermanagement, das zum 14. Mal vom Kinder- und Jugendhaus Cafe Ratz und den Außenstellen Kindertreff und Spielmobil Mobifant organisiert wurde. Die eigene Stadt erlaubt den kleinen Teilnehmern einen spielerischen Zugang zur Welt der Erwachsenen. Hier können sie komplexe Zusammenhänge und Prozesse des Stadtlebens mit über 30 "Betrieben" und einer eigenen Währung - dem Ratzel - erfahren und auch selbst gestalten. Soziales und politisches Lernen kann hier  eingeübt werden: beispielsweise die Integration des Einzelnen in verschiedene Gruppen, angemessene Formen des sozialen Umgangs miteinander, Kommunikation, die Entwicklung eines Gemeinschaftsbewusstseins sowie die Bereitschaft zur Konfliktlösung.

Die Kinder erfahren unmittelbar die Notwendigkeit von Normen und Regeln und ihre Wichtigkeit für das Zusammenleben. Und sie lernen auch, dass die Lebensverhältnisse in einer Stadt mitgestaltet werden können.

Donnerstag, 02.08.2018