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Gedenken zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht

Vor 80 Jahren - in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 - wurden in Deutschland hunderte jüdische Bürger ermordet, 30.000 in Konzentrationslager verschleppt, über 1400 Synagogen niedergebrannt sowie Geschäfte und Wohnungen verwüstet. Mit der Reichspogromnacht verstärkte das nationalsozialistische Regime die systematische Verfolgung der Juden, die nur wenig später in der Schoa mündete.

Bei der Gedenkveranstaltung in der Stuttgarter Synagoge am 9. November sagte Oberbürgermeister Fritz Kuhn: "Aufgabe der Stadt und aller Bürgerinnen und Bürger ist es, für den Schutz jüdischen Lebens zu sorgen. Zu unserer Verantwortung, die sich aus der deutschen Geschichte ergibt, gehört es, Antisemitismus und jegliche Form des Rassismus zurückzuweisen. Die Stadt tut dies mit aller Kraft." Der Satz "Wehret den Anfängen" sei von hoher Bedeutung, so Kuhn weiter. Nur zehn Jahre vor der Reichspogromnacht, 1928, habe die NSDAP bei Wahlen drei Prozent erzielt. Fünf Jahre später habe sie die Macht ergriffen. Das müsse man auf die Gegenwart beziehen. "Aufgabe aller Demokraten ist es, Hassreden entgegenzutreten. Wer sich an die dunklen Seiten der eigenen Geschichte nicht erinnern will, riskiert, dass sie sich wiederholt. Erinnerung ist der beste Schutz."

Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der ReichspogromnachtVergrößernDer Satz 'Wehret den Anfängen' ist von hoher Bedeutung: Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei seiner Rede in der Stuttgarter Synagoge. Foto: Thomas NiedermüllerDer Satz 'Wehret den Anfängen' ist von hoher Bedeutung: Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei seiner Rede in der Stuttgarter Synagoge. Foto: Thomas Niedermüller
Innenminister Thomas Strobl sagte: Zur schrecklichen Wahrheit gehört, dass die Morde, Deportationen und das Brandschatzen von staatlichen Stellen angeordnet und durchgeführt wurden. Das muss alle, die wir im Staatsdienst stehen, beschämen und verpflichten. Der Antisemitismus regt sich auch heute wieder. Das besorgt mich sehr. Verbale Angriffe - insbesondere in den sozialen Medien - können schnell zu Übergriffen im realen Leben werden. Als Demokraten sind wir immer wieder aufgefordert, uns dem Antisemitismus entgegenzustellen. Die Nazis haben nicht gesiegt. Unser Zusammenleben ist kostbar. Wir schützen es, wir geben es nie wieder her."

Als Sprecherin des Vorstands der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit erinnerte Bürgermeisterin Isabel Fezer an deren Gründung vor 70 Jahren. Damals habe man ausschließlich nach vorne blicken wollen. Das habe sich geändert. Heute setze man sich intensiv mit der Vergangenheit auseinander. Das Erstarken des Antisemitismus erfülle sie mit Besorgnis, so Fezer.

Susanne Jakubowski, Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft, erinnerte daran, dass sich während der Zeit des Nationalsozialismus nur sehr wenige Menschen vor ihre jüdischen Nachbarn gestellt haben. Sie dankte der Landesregierung dafür, "dass sie den Druck auf verbale Brandstifter aufrecht erhält".

Auch der Gemeinderabbiner Yehuda Pushkin mahnte an, menschenverachtenden Tendenzen, Hass, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenzutreten.

Weitere Ansprachen hielten Eva Schwecher von der Reli-Schule der Israelitischen Religionsgemeinschaft und Anne Maurer vom Lernort Geschichte. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier vom Chor Collegium Iuvenum Stuttgart. Zum Gedenken an die Opfer trug Kantor Nathan Goldman das Gebet "El Male Rachamim" (Gott voller Erbarmen) vor.


Freitag, 09.11.2018