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Ort des Erinnerns und Lernort für die Zukunft

Vom Ort der Polizei und des NS-Terrors zum Ort des historisch-politischen Lernens und der Begegnung: Bei einem Festakt mit zahlreichen Gästen, darunter auch Zeitzeugen und Leihgeber, wurde am Montag, 3. Dezember, das Hotel Silber eröffnet. Als ehemaliges Hauptquartier der Gestapo in Stuttgart war das Gebäude in der Dorotheenstraße über Jahre ein Ort des organisierten NS-Terrors. Zudem war es mehr als ein halbes Jahrhundert lang ein Ort der Polizei. Zum Erinnerungsort, der jetzt nach neun Jahren Planungs- und 18-monatiger Bauzeit eröffnet werden konnte, wurde das Hotel Silber auch dank einer engagierten Bürgerbeteiligung.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn sagte bei der Eröffnung: "Ich bin froh, dass wir heute die Eröffnung des Hotel Silber feiern können. Dies haben wir engagierten Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken, die nachhaltig und zäh dafür gekämpft haben, dass das Gebäude erhalten bleibt. Es ist einzigartig, dass die etablierte Fachwissenschaft und eine Bürgerinitiative gemeinsam ein solches Projekt gestemmt haben. Ich wünschen uns allen, dass das Hotel Silber ein wirklicher Ort des Erinnerns und ein Lernort für unsere Gegenwart und Zukunft wird, an dem wir uns mit drängenden aktuellen Fragen auseinandersetzen."  Geschichte wiederhole sich nicht 1:1, aber sie wiederhole sich in ihren Mechanismen, so der OB. "Wir müssen uns auch heute vor dem Wiederaufkommen von menschenfeindlichem und totalitärem Gedankengut schützen. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Abwehrtugenden stärken. Erinnerung kann verhindern, dass Verbrechen sich wiederholen. Dafür ist das Hotel Silber der richtige Ort." 

Die Gedenkstätte erstreckt sich über eine Gesamtfläche von rund 1.400 Quadratmetern. Im Erdgeschoss wird auf die Entstehungsgeschichte eingegangen. Im ersten Obergeschoss befindet sich auf rund 300 Quadratmetern die Dauerausstellung. Diese beschäftigt sich mit den Themen Polizei und Verfolgung. Es geht um Täter und ihre Opfer, die Institution Polizei und ihre Rolle in den politischen Systemen mehrerer Jahrzehnte. Zahlreiche Originalobjekte werden in inszenierten Räumen ausgestellt, zum Beispiel eine Zellentür, auf deren Rückseite Einritzungen von Gefangenen zu sehen sind. Dokumente zeigen zudem, wie auch in Stuttgart gegen den Hitler-Attentäter Georg Elser oder den späteren Kopf der Widerstandsorganisation "Weiße Rose", Hans Scholl, ermittelt wurde. Im zweiten Obergeschoss sollen Wechselausstellungen stattfinden.

Bundesweit einmaliges Projekt

Die Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski, erklärte: "Das Hotel Silber hält unser Bewusstsein wach, dass der Terror des NS-Regimes auch in unserer unmittelbaren Umgebung stattgefunden hat. Es ist ein Zeichen gegen Nationalismus und Geschichtsvergessenheit. Und eine Zukunftswerksatt der Aufklärung. Ort wie diese übernehmen heute noch viel stärker die Rolle der Zeitzeugenschaft. Unsere Gesellschaft braucht solche Gedenkstätten, an denen das Geschehen sichtbar ist und sichtbar bleibt." Mit viel Mut und Kraft sei für die Gedenkstätte gestritten und viel ehrenamtliche Forschungsarbeit geleistet worden, so die Staatssekretärin. "Das Hotel Silber zeigt, Erinnern ist nicht nur eine staatliche und wissenschaftliche Aufgabe, sondern auch das Bewusstsein eines demokratischen Gemeinwesens. Ich danke deshalb allen, die dazu beigetragen haben, dass Hotel Silber zu erhalten und zu verwirklichen."

Das Land Baden-Württemberg trägt die Baukosten für die Gedenkstätte. Sie belaufen sich auf rund 4,5 Millionen Euro. Hinzukommen drei Millionen Euro für die Planung und Einrichtung der Ausstellung und 560.000 Euro im Jahr an laufenden Kosten. Diese Kosten teilen sich die Stadt Stuttgart und das Land.

Prof. Dr. Thomas Schnabel, der Direktor des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, dankte in seiner Rede allen Unterstützern und Förderern und lobte das Museum als "ein bundesweit einmaliges Projekt": "Hier kann die Entwicklung der Polizei in Württemberg von der Weimarer Republik über den Terror des Nationalsozialismus bis zu den Anfängen nach 1945 und in der Bundesrepublik gezeigt werden. Gleichzeitig werden bedrückende Kontinuitäten in der Opferverfolgung deutlich, die eine stetige Mahnung für den Erhalt der Menschenrechte für uns heute bedeuten. Es geht beim Erinnern nicht nur um die Vergangenheit, sondern vor allem um unsere gemeinsame Zukunft. Also lassen Sie uns mit dem Erinnern für unsere Zukunft arbeiten", so Schnabel.

Ort zum Nachdenken

Auch Harald Stingele, Vorsitzender der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, bezeichnete das Hotel Silber, als "hervorragenden Ort zum Nachdenken": "Wir hoffen, dass hier ein Ort entsteht, der dem Vergessen und der grassierenden Umdeutung der NS-Geschichte entgegenwirkt und Mut macht, den eigenen Verstand zu gebrauchen und sich menschenverachtender Kritik und Hetze zu widersetzen. Deshalb freue ich mich heute sehr, dass wir das Hotel Silber eröffnen können. Dies ist alles andere als selbstverständlich. Ich danke deshalb allen Mitstreitern, die uns auf unserem langen Weg den Rücken gestärkt, ihre Türen geöffnet und ihren Einfluss genutzt haben."

Während der Eröffnungswoche vom 4. bis zum 7. Dezember lädt das Hotel Silber zu verschiedenen Veranstaltungen ein. So finden immer um 12.30 Uhr Kurzführungen und um 17 Uhr die Reihe "Speakers' Corner" zu den Grundthemen der Einrichtung wie etwa Menschenwürde oder Ausgrenzung statt. Am Eröffnungswochenende gibt es zudem Stadterkundungen, ein Swing-Fest, eine Lesung sowie zahlreiche Führungen. Der Eintritt ist in den kommenden beiden Jahren frei. Informationen zur Ausstellung und zum Begleitprogramm finden sich unter www.geschichtsort-hotel-silber.de

Dienstag, 04.12.2018