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Ausstellung "Wo ist Afrika?" im Linden-Museum eröffnet

Die neue Dauerausstellung des Linden-Museums "Wo ist Afrika?" will nicht nur Objekte aus verschiedenen afrikanischen Ländern zeigen. Sie will vor allem dazu anregen, dass die Besucher die Afrika-Sammlungen neu kennenlernen, indem sie die Sammlungen, Objekte und den Umgang des Museums damit hinterfragen. Am Freitag, 15. März, wurde die Ausstellung eröffnet.

Ausstellung 'Wo ist Afrika?' im Linden-Museum eröffnet.OB Fritz Kuhn sagte bei der Eröffnung: 'Stuttgart ist eine Stadt, in der Menschen aus über 170 Nationen leben. Deshalb tut es uns gut zu reflektieren, was der Kontinent Afrika und seine Geschichte bedeutet. Man könnte auch sagen: Afrika ist in Stuttgart. Foto: IannoneTheresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, sagte: "Ich bin sehr dankbar, dass das Thema Afrika im Zentrum der neuen Dauerausstellung steht. Man wird zum Denken aufgefordert und eingeladen." Sie habe an sich selber bemerkt, wie eurozentristisch der eigene Blick sei und wie wenig man über Afrika wisse. Aktuelles Beispiel sei die kürzlich erfolgte Rückgabe der Witbooi-Bibel und -Peitsche. "Da konnten wir sehen, wie ein für uns vielleicht alltäglicher Gegenstand Menschen zu Tränen rührt und begeistert. Die ethnographischen Museen besitzen viele Objekte mit schwierigem ethisch-moralischem Kontext - wenn wir ihn denn überhaupt kennen. Aber wir haben einen Anfang gemacht, einen anderen Umgang damit zu finden. Das Linden-Museum ist nicht um zwei Gegenstände ärmer geworden, sondern um eine Geschichte reicher."

"Afrika ist in Stuttgart."

Die Ministerin griff einen Wunsch von Inés de Castro, der Direktorin des Linden-Museums, auf. Das Linden-Museum habe sich europaweit einen Namen gemacht bei der Aufarbeitung der Geschichte im Umgang mit Afrika. Dieser vor gut vier Jahren begonnene innovative Ansatz und die neue Konzeption "ruft danach, darüber nachzudenken, welche architektonische Hülle und Räume gebaucht werden, wenn wir die Sammlungen neu präsentieren wollen. Wir werden uns nach Kräften einsetzen, dass dieser Wunsch Gestalt annimmt."

Oberbürgermeister Fritz Kuhn sagte bei der Eröffnung: "Stuttgart ist eine Stadt, in der Menschen aus über 170 Nationen leben. Deshalb tut es uns gut zu reflektieren, was der Kontinent Afrika und seine Geschichte bedeutet. Man könnte auch sagen: Afrika ist in Stuttgart. Hier leben viele Menschen aus Afrika, und sie sind Stuttgarter. Deshalb muss es uns auch interessieren: was ist Afrika?" Es sei ermutigend, dass die Ausstellung nicht nur Gegenstände zeigt, und glaubt, sie allein könnten eine Geschichte erzählen. Die Ausstellung reflektiere, unter welchen Umständen diese Gegenstände nach Europa gekommen seien.

Wunsch nach Neubau des Museums als "Haus der Kulturen der Welt"

Zum Standort des Museums sagte der OB: "Der Stadt ist völlig klar, dass wir ein bedeutendes ethnologisches Museum in Stuttgart haben, und dass es im jetzigen Gebäude nicht wirklich gut untergebracht ist. Es ist in der Tat notwendig, dass wir ein modernes, architektonisch anspruchsvolles und funktional gutes neues Gebäude für das Linden-Museum bauen." Die Schwierigkeit sei nur die Frage: Wo? Stuttgart habe drei Herausforderungen im Kulturbereich: die Sanierung der Oper, ein Konzerthaus und ein neues Gebäude für das Linden-Museum. "Diese drei Sachen müssten nach meiner Meinung Ende dieses Jahres im Gemeinderat gemeinsam im Grundsatz beschlossen werden, damit klar ist: Das wollen wir", sagte Kuhn.

"Da wir eine weltoffene Stadt und mit unseren Produkten in der ganzen Welt unterwegs sind, kann ich mir vorstellen, dass ein Neubau des Linden-Museums zugleich so etwas wie ein Haus der Kulturen der Welt sein sollte, in dem man sehen kann, wo die Menschen herkommen. Nicht nur im geographischen Sinn, sondern was die Menschen ausmacht in ihrer Vielfalt und ihrer Geschichte. Mir ist wichtig, dass man versteht, dass Afrika unser Nachbarkontinent ist, und dass man Beziehungen unterhält, wie es unter Nachbarn üblich ist", so der OB.  

ABRAC-Beirat bringt verschiedene Perspektiven in die Sammlungspräsentation

Inés de Castro sagte in ihrer Begrüßung, beim Beginn der Vorbereitungen für die Ausstellung habe niemand geahnt, wie prominent das Thema des Kolonialismus heute sein würde. "Wir arbeiten schon lange mit dem Ansatz des Hinterfragens, der Partizipation und der Demokratisierung des Museums im Umgang mit den Sammlungen. Es zeigt, wie sich in einer globalisierten Welt Objekte verändern und neue Identitäten annehmen. Sie unterstrich, dass Sandra Ferracuti, Afrika-Referentin des Linden-Museums und Kuratorin der Ausstellung, die neue Dauerausstellung in enger Abstimmung mit dem eigens gegründeten Beirat ABRAC ausgearbeitet habe.

Das Linden-Museum Stuttgart gründete Mitte 2016 den Beirat ABRAC für die Präsentation afrikanischer Sammlungen, der sich aus Stuttgarterinnen und Stuttgartern afrikanischer Herkunft zusammensetzt. Sie stammen aus Ländern, die regionale Schwerpunkte in der Sammlung bilden: Kamerun, Kongo, Mosambik, Nigeria. ABRAC steht für Advisory Board for the Representation of African Collections. ABRAC diskutiert mit dem Museum eigene Perspektiven auf das historische Erbe und gegenwärtige Bewegungen in Afrika im Hinblick auf die Planung der Ausstellung mit dem Ziel, in einem partizipativen Prozess Mehrstimmigkeit und verschiedene Perspektiven in die Sammlungspräsentation und -vermittlung einzubringen. ABRAC wird das Museum über die Ausstellungseröffnung hinaus beraten und begleiten.

Entstehung und Entwicklung der Afrika-Sammlungen

Die Ausstellung zeigt, wie die Sammlungen entstanden, wie sich die Sammlungen entwickelten und welchen Klassifizierungsprinzipien sie gehorchten. "Wo ist Afrika?" fordert auf, die Zusammenhänge und Narrative der Afrika-Sammlungen des Linden-Museums neu kennenzulernen und sie gemeinsam mit dem Museum kritisch zu befragen. Der Ansatz der Ausstellungsmacher ist, die alleinige Deutungshoheit des Museums zu hinterfragen. Sie präsentieren eine Vielzahl an parallelen Erzählungen stellen und wichtige Fragen an unser heutiges gesellschaftliches Zusammenleben.

Ein großer Teil der aus Kamerun, dem Kongo-Becken, Mosambik, Nigeria und Tansania stammenden Objekte gelangte in der Kolonialzeit während des "Wettlaufs um Afrika" zu Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Sammlungen. "Wo ist Afrika?"untersucht, welche Geschichte und Geschichten den Objekten eingeschrieben sind und wofür sie heute stehen. Die Ausstellung eröffnet einen Deutungsraum der kulturellen Kreativität, in dem es möglich wird, sich einem historisch und ästhetisch komplexen Begriff von "afrikanischer Kultur" zu nähern.

Sammlung umfasst rund 40.000 Objekte

Die Sammlung des Linden-Museums umfasst rund 40.000 Objekte, die auf dem afrikanischen Kontinent entstanden sind. Die meisten wurden während der deutschen Kolonialherrschaft (1884 - 1919) beschafft. Den frühen Sammlern war wichtig, möglichst viele Objekte anzuhäufen und deren formalen Qualitäten zur Schau zu stellen. Wem diese Objekte ursprünglich gehörten und was man von ihnen hätte lernen können, war nebensächlich.

Das Linden-Museum Stuttgart, Hegelplatz 1, hat Dienstag bis Samstag, 10 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen, 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt in die Ausstellung kostet 4 beziehungsweise 3 Euro, das Familienticket 8 Euro, Kinder bis einschließlich 12 Jahren sind frei. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. Weitere Informationen unter www. lindenmuseum.de.

Montag, 18.03.2019