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Römer wohnten am Hall­schlag luxuriös

Im Bereich Essener Straße, Düsseldorfer Straße und Auf der Steig im Hallschlag, wo die SWSG in Kürze mit dem Bau mehrerer Mehrfamilienhäuser mit 128 Wohnungen und einer Tiefgarage beginnen wird, standen vor rund 1900 Jahren zwei luxuriöse Römerhäuser. Bei einer Rettungsgrabung sind jetzt Teile der Grundmauern, farbiger Wandverputz, Reste einer Fußboden-/Wandheizung sowie Scherben ­hochwertiger Gefäße ans Tageslicht gekommen.
Ausgrabungsleiterin Gaelle Duranthon zeigt die Grundmauern der ausgegrabenen Häuser am Hallschlag.VergrößernAusgrabungsleiterin Gaelle Duranthon zeigt die Grundmauern der ausgegrabenen Häuser am Hallschlag. Foto: Thomas HörnerAusgrabungsleiterin Gaelle Duranthon zeigt die Grundmauern der ausgegrabenen Häuser am Hallschlag. Foto: Thomas Hörner
Eigentlich haben die Archäologen mit Spuren von Holzhäusern, Wirtschaftsbauten und Schuppen gerechnet, denn das Grabungsareal liegt weit vom Zentrum der einstigen römischen Siedlung entfernt. Stattdessen ist das Team der Firma ArchaeoBW um Grabungsleiterin Gaëlle Duranthon auf die Überreste zweier großer, komfortabel ausgestatteter Steinbauten gestoßen. Andreas Thiel vom Landesamt für Denkmalpflege sieht dies als weiteren Beleg dafür, dass das römische Cannstatt, das sich ab dem Jahr 100 um das Kastell herum entwickelt hat und an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt lag, größer war, als bislang angenommen wurde.

Typisch römische Gebäudeform

Begonnen hatten die unter Aufsicht des Landesamts für Denkmalpflege ausgeführten und von der SWSG finanzierten Untersuchungen des 3100 Quadratmeter großen Areals Anfang Mai. Bereits in den ersten Grabungswochen wurden die etwa ein Meter starken Außenmauern eines großen Steinbaus gefunden. "Vom Bautyp her handelt es sich um ein sogenanntes Streifenhaus, eine Gebäudeform, die für römische Ansiedlungen nördlich der Alpen typisch war", erklärt Thiel.

Das zum Teil freigelegte Gebäude, das sich unter der heutigen Essener Straße fortsetzt, hat eine Weite von über acht Metern und könnte insgesamt 30 Meter lang gewesen sein. Es wurde bei einem Brand zerstört, dessen Spuren immer noch durch dunkel verfärbte Erde im Bereich der Mauerreste sichtbar sind.

An den schwarzen Stellen auf der Erde sieht man, dass die römische Behausung einem Feuer zum Opfer fiel.VergrößernAn den schwarzen Stellen auf der Erde sieht man, dass die römische Behausung einem Feuer zum Opfer fiel. Foto: Thomas HörnerAn den schwarzen Stellen auf der Erde sieht man, dass die römische Behausung einem Feuer zum Opfer fiel. Foto: Thomas Hörner
Zwischen 120 und 190 n. Chr. bewohnt


"Das Haus war mindestens zweistöckig", beschreibt Grabungsleiterin Duranthon. Dies wisse man, weil die Grundmauern auffallend tief in den Untergrund hinunter reichen und damit die notwendige Stabilität für ein hohes Gebäude besaßen. Die Funde - dazu zählen gut datierbare Gefäßreste - lassen darauf schließen, dass das Haus zwischen 120 und 190 n. Chr. bewohnt war. Der Brand hat also nichts mit dem gewaltsamen ­Ende der römischen Zivilsiedlung durch die Alamannen zu tun, die den Ort Mitte des dritten Jahrhunderts überfallen und zerstört haben.

Nur wenig entfernt fanden die Grabungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter die Reste eines weiteren, etwas kleineren Wohnhauses, das zur gleichen Zeit bestand wie das Nachbargebäude und ebenfalls vermögenden Menschen gehört haben muss. Das Gebäude verfügte über eine Hypokaustenheizung, die für angenehm warme Räume sorgte, indem heiße Luft aus einem Brennofen in Hohlräume unter den Fußboden und in die Wände geleitet wurde. Die Zimmer hatten bunt bemalte Wände. Verschiedene Verputzreste lassen dies gut erkennen.

Und auch an dem im römischen Imperium zu jener Zeit so beliebten glänzend roten Tafelgeschirr - von Archäologen Terra Sigillata genannt - fehlte es nicht, wie zahlreiche Scherben zeigen. Zu den Funden zählen außerdem eine gut erhaltene Gürtelschnalle, eine Öllampe und Amphorenreste. Nicht zuletzt wurde eine Abfallgrube mit Essensresten und Tierknochen entdeckt. Die aufgefundenen Gegenstände sollen demnächst in ­einem ­Labor genau untersucht und anschließend archiviert werden. Die Mauerreste werden umfassend dokumentiert, unter anderem mittels 3D-Fotografie, und müssen danach dem Neubau weichen.
Archäologen in Haus mit Hypokaustenheizung auf der Ausgrabungsstätte am HallschlagVergrößernArchäologen in Haus mit Hypokaustenheizung auf der Ausgrabungsstätte am Hallschlag. Foto: Thomas HörnerArchäologen in Haus mit Hypokaustenheizung auf der Ausgrabungsstätte am Hallschlag. Foto: Thomas Hörner
Funde in der Erde gut aufgehoben

"Das Grabungsteam wird noch bis Ende August an der Arbeit sein. Dann beginnen die Bauarbeiten der SWSG", erklärt Andreas Thiel. Tiefer als bis zum Bodenniveau der geplanten Tiefgarage, werden die archäologischen Untersuchungen übrigens nicht reichen, denn im Rahmen einer Rettungsgrabung geht es - im Gegensatz zur Forschungsgrabung - lediglich darum, Befunde zu sichern, die andernfalls zerstört werden würden. "Irgendwann wird auch der jetzt entstehende Neubau wieder ersetzt, dann können künftige Kollegen die Arbeit fortsetzen", so Thiel. "Und bis dahin sind mögliche weitere Funde unter der Erde gut aufgehoben."
Donnerstag, 15.08.2019