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Das ethnologische Museum der Zukunft

Welchen Herausforderungen müssen sich ethnologische Museen heute stellen? Welche Rolle erfüllen sie in unserer Gesellschaft? Welche Bedeutung hat ein Museumsneubau - insbesondere des Linden-Museums - für eine Stadt wie ­Stuttgart? Fragen wie diesen hat sich die Tagung "Das neue Museum. Ideen für das ethnologische Museum der Zukunft" am 28. und 29. Februar im Hospitalhof gewidmet.
Auf Einladung des Linden-Museums diskutierten internationale Museumsfachleute, Wissenschaftler und Architekten mit rund 250 Bürgerinnen und Bürgern über das Thema.

Linden-Museum AußenansichtDas Linden-Museum am Hegelpplatz. Foto: Linden-MuseumTheresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, eröffnete die Konferenz. Sie sagte: "Ethnologische Museen bewahren und erforschen Weltkulturerbe aus Vergangenheit und Gegenwart und sie vermitteln es an ein breites Publikum, vor allem auch an Kinder und Jugendliche. Sie sind damit wichtige außerschulische Lernorte."

Noch stärker Ort der Diskussion werden

Dass sie sich heute mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und ihre bisherige Ausstellungspraxis und den Umgang mit den Sammlungen prinzipiell hinterfragen, sei richtig und notwendig. "Das neue Linden-Museum soll noch stärker ein Ort der Auseinandersetzung über historische und zeitgemäße Konzepte von Kultur, Identität und Differenz werden, ein Ort der Diskussion und der Kommunikation im Herzen der Landeshauptstadt", so Ministerin Bauer.

Für Neubau ausgesprochen

Anlass der Tagung waren Überlegungen zu einem neuen ethnologischen Museum in Stuttgart. Am jetzigen Standort, im denkmalgeschützten Haus am Hegelplatz, erschweren bauliche Mängel und weitere Defizite eine zeitgemäße Museumsarbeit. Land und Stadt haben sich im Verwaltungsrat des Museums für einen Neubau ausgesprochen.

Marc Gegenfurtner, Leiter des städtischen Kulturamts, betonte die Rolle des Linden-Museums für die Stadt: "In Stuttgart sind die Voraussetzungen für ein neues Museum vergleichsweise optimal. Diese Stadt hat zwar zahlreiche ­kulturelle Einrichtungen und ­Museen, aber sie benötigt noch eine weitere Einrichtung. ­Warum? Weil sie einen Ort braucht, der auf die Geschichten aller zahlreichen und vielfältigen Menschen und damit auch Kulturtragenden reagiert, die in dieser Stadt leben oder die diese Stadt und ihre Identität mit ihren persönlichen und auch kollektiven Lebensgeschichten und Vergangenheiten bereichern."

Einzigartige Sammlung

Gegenfurtner weiter: "Weil das neue Linden-Museum ein Ort werden kann, der die Welt, wie sie sich in unserer universellen Stadtgesellschaft zeigt, kulturell spiegelt und erzählt."

Als einziges Landesmuseum für Ethnologie in Baden-Württemberg verfügt das Linden-Museum über eine Sammlung von rund 160 000 Kunst- und Alltagsgegenständen aus Asien, Amerika, Afrika und Ozeanien. Inés de Castro, Direktorin des Linden-Museums, zeichnete die Vision für ein neues ethnologisches Museum in Stuttgart. Sie sagte: "Wir brauchen eine neue, zeitgemäße und ethnisch respekt- und verantwortungsvolle Präsen­tation unserer einzigartigen Sammlung."

Das Linden-Museum verfüge über eine hochkarätige, international renommierte Sammlung. "Diese Sammlung ist ein wahres Juwel der Stadt, das es zu bergen gilt." De Castro weiter: "Wir möchten ein Museum, das die Grundthemen der Menschheit wie Gesellschaft, Identität, Kulturwandel, Glaubensvorstellungen oder Globalisierung anschaulich behandelt und gleichzeitig ein Ort mit hoher Aufenthaltsqualität ist, an dem sich die Besucher wohlfühlen."

Unterschiedliche Aspekte diskutiert

Die Tagung widmete sich in mehreren Themenblöcken ­unterschiedlichen Aspekten ethnologischer Museen. Der Einstieg gelang mit einer Po­diumsdiskussion über die ­aktuellen Veränderungen, ­Herausforderungen und Ideen in ethnologischen Museen. ­Daraufhin folgten Impulsvorträge und Diskussionen zu den Schwerpunkten Museums­konzepte, Museumsarchitektur sowie der Frage, was ein Museumsneubau für Stadt und Gesellschaft bedeutet. Den Abschluss bildete eine Diskussion mit Petra Olschowski, Staats­sekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Marc Gegenfurtner und Inés de Castro.

Die Konferenz unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann wurde im Rahmen der Initiative "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" des Landes gefördert. Mehr zum Thema steht auf www.lindenlab.de. Hier wird es auch eine Dokumen­tation der Konferenz geben.

Daw Maria aus dem Kayan Dorf Pan Petau in Myanmar spinnt Garn für Textilien, die Teil der Ausstellung im Linden-Museum sind.Daw Maria aus dem Kayan Dorf Pan Petau in Myanmar spinnt Garn für Textilien, die Teil der Ausstellung im Linden-Museum sind. Foto: Georg Noack
LindenLab 1

Das Arbeitsprinzip des Labors - des experimentellen Raums - aufgreifend, erprobt und entwickelt das Linden-Museum in acht "LindenLabs" neue Formen musealer Wissensproduktion, Vermittlung und Präsentation. Das Ergebnis des ersten Labs, in dem es um die Zusammenarbeit mit indigenen Herkunfts­gesellschaften ging, wird jetzt in einer Ausstellung gezeigt.

Die indigenen Projektpartner stammen aus der Karenni-­Region in Myanmar. Zu sehen sind traditionelle Textilien, Schmuck, Musikinstrumente und Alltagsobjekte. In Lab 2 geht es um neue Wege der Provenienzforschung.

Zukunft teilen mit Namibia

Im Rahmen der "Namibia-Initiative" des Landes hat das Linden-Museum ein Projekt mit dem Titel "With Namibia: Engaging the Past, Sharing the Future" konzipiert. Ziel ist, Wissen, Perspektiven und Erfahrungen zu den Sammlungen aus Namibia im Linden-Museum mit den namibischen Partnern zu teilen.

Dies soll auf einer Plattform für Dialog und Zusammenarbeit geschehen. Zum Start des Projekts hat das Linden-Museum vier Vertreter der Nama- und Herero-Organisationen aus Namibia zu zwei Expertenaufenthalten nach Stuttgart eingeladen. Das erste Treffen war bereits am 2. März.

Werkstatt-Ausstellung zur Kolonialzeit

Was hat das Linden-Museum mit dem deutschen Kolonialismus zu tun? Welche württembergischen Akteure waren am Kolonialismus beteiligt? Und wie präsent war der Kolonialismus in der württembergischen Alltagswelt? Diese Fragen möchte eine Werkstatt-Ausstellung beantworten, die am 16. Oktober eröffnet wird.

Bisher ist wenig über die Geschichte Württembergs während der Kolonialzeit bekannt. Mit dieser Ausstellung will sich das Linden-Museum auch der Verantwortung für die eigene Geschichte stellen und seine Wurzeln aus dem Kolonialismus selbstkritisch reflektieren. Der Fokus der Ausstellung liegt dabei nicht auf den Auswirkungen des Kolonialismus in den deutschen Kolonien, sondern darauf, wie er sich im Linden-Museum und in Württemberg darstellte und bis heute fortwirkt.

Die Werkstatt-Ausstellung ist als "work in progress" konzipiert - dieser Charakter soll sich auch in der Gestaltung mit offenen Räumen und Arbeitsstationen widerspiegeln. Die Besucher können Fragen und eigene Gedanken einbringen.

Weitere Informationen gibt es unter www.lindenmuseum.de, www.lindenlab.de, mail@lindenmuseum.de und Telefon 2022-3.
Donnerstag, 05.03.2020
 

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