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Coronavirus: Interview mit Professor Jan Streffen Jürgensen zur aktuellen Situation in Stuttgart

Herr Professor Jürgensen, in Stuttgart gibt es hunderte Menschen, die an dem neuartigen Coronavirus erkrankt sind. Wie geht es den Betroffenen?

Bei den allermeisten der Betroffenen beobachten wir milde Verläufe der Krankheit. Sie zeigen wenige bis keine Symptome wie Husten oder leichtes Fieber und müssen daher auch nicht stationär in einem Krankenhaus betreut werden. Mehr als 300 Menschen kurieren sich momentan in häuslicher Quarantäne. Stationär wird erst eine niedrige zweistellige Zahl behandelt, mit deutlich steigender Tendenz. Derzeit sind mir drei schwere Verläufe von älteren Patienten mit Vorerkrankungen bekannt, die in Stuttgart intensiv behandelt werden.

Professor Jan Steffen JürgensenProfessor Jan Steffen Jürgensen, Medizinischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender des Klinikums Stuttgart. Foto: Klinikum Stuttgart

Welche Symptome sprechen denn für eine Erkrankung mit Coronaviren?

Es ist meist ein trockener Husten in Verbindung mit Fieber, seltener Schnupfen. Einer neuen Studie zufolge, die im besonders betroffenen Kreis Heinsberg an eher leicht erkrankten Menschen durchgeführt wurde, verliert ein Großteil der Patienten für einige Tage den Ge­ruchs- und Ge­schmacks­sinn. Man nimmt die Gerüche des Alltags nicht mehr wahr, das Essen schmeckt fade. Das wird bisher eher spät im Krankheitsverlauf beobachtet.

Wenn ich ein Kratzen im Hals spüre, Husten muss und erhöhte Temperatur habe, was soll ich tun?

Das hängt von der Schwere ab, ihrem individuellen Risiko und ihrer Konstitution. Wenn ich mich fit genug fühle und mich bewegen kann, bleibe ich einfach zu Hause und schone mich. Wenn ich ärztlichen Rat brauche, rufe ich meinen Hausarzt an zur weiteren Abklärung. Er entscheidet über die weitere Behandlung. Und ob ein Test auf Corona überhaupt notwendig ist. Die Entscheidung für den 35-jährigen Skifahrer nach Tirolurlaub mit leichtem Fieber und trockenem Husten ist also eine andere, nämlich zu Hause bleiben und Kontakte minimieren, als für den 80-Jährigen mit vorbestehender Lungenkrankheit mit beginnender Luftnot: Hausarzt konsultieren, weitere Diagnostik und Betreuung klären.

Nicht immer ist ein Test notwendig?

Nein, mehrheitlich nicht. In der Frühphase haben wir konsequent mit dem Gesundheitsamt jeden Verdachtsfall rückverfolgt und Kontaktpersonen ermittelt, um Übertragungsketten zu durchbrechen. Mit der erwartbaren stärkeren Verbreitung wenden wir uns jetzt vermehrt den wirklich schutzbedürftigen Menschen zu: Menschen mit schwereren Erkrankungszeichen, Alte mit Vorerkrankungen, Patienten mit unklaren Infekten, die stationär aufgenommen werden sollen. Für alle anderen gilt: Bitte auskurieren, Hygieneregeln beachten und konsequent Kontakte minimieren. Sie können einen großen Beitrag leisten, die Verbreitung zu verlangsamen und mittelfristig einzudämmen. Damit schützen Sie vor allem auch Ihr Umfeld und gefährdete Personen.

Die Ansteckungen steigen rapide in Stuttgart. Was macht das Virus so infektiös?

Das Virus überträgt sich vor allem durch Tröpfchen in der Luft, die sogenannte Tröpfchen-Infektion. Tröpfchen werden von infizierten Personen zum Beispiel beim Husten oder Niesen in die Luft gegeben und können so von anderen Personen eingeatmet werden. Selten können die Erreger auch über Schmierinfektionen übertragen werden. Hierbei gelangen Erreger, die sich auf den Händen befinden, an die Schleimhäute der Nase oder des Auges, wo sie zu einer Infektion führen können. Nach allem, was wir bisher wissen, befällt das Virus die oberen Atemwege. Das erleichtert leider die Übertragung. In seltenen Fällen befällt es auch die unteren Luftwege wie Lunge oder Bronchien.

Was hat sich durch den rapiden Anstieg an Fällen verändert - in Stuttgart und Allgemein?

Seit dem 11. März spricht die WHO bei der Ausbreitung des Virus von einer Pandemie. Wir befinden uns nach wie vor in der Phase, in der die Infektionen vorerst weiterhin stark zunehmen werden - auch in Stuttgart. Oberstes Ziel ist es, diese Ausbreitung zu verlangsamen, um Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht durch viele zeitgleiche schwere Verläufe zu überfordern. Eine Streckung und Verlangsamung der Übertragung durch die einschneidenden gesellschaftlichen Maßnahmen ist daher noch wichtiger und wirkungsvoller, als die beste stationäre Behandlung. In Deutschland haben wir 28.000 Intensivbetten, in Baden-Württemberg 3.200 und in Stuttgart eine Quote je 100.000 Einwohner, die nochmals überdurchschnittlich ist. Im internationalen Vergleich liegen wir um den Faktor 2,5 oberhalb der italienischen Intensivbettenkapazität pro Einwohner und weit oberhalb der englischen Quote. Trotzdem gilt: Die Eindämmung und zeitliche Streckung ist entscheidend, sonst überfordern wir auch die leistungsfähigsten Maximalversorger in Stuttgart. Dazu kann jeder einen großen Beitrag leisten, indem er die Kontaktreduktion ernst nimmt. Ein zeitgleiches Anfluten einer sehr hohen Zahl kritisch Kranker müssen wir unbedingt vermeiden.

Denn dieses wäre eine dramatische Belastung für die Kliniken.

Ja, für die Kliniken und damit auch für die Patienten. Wir wollen alle Patienten bestmöglich versorgen. Dafür aktivieren wir aktuell alle Kapazitäten. Wir haben klare Einsatzpläne, sagen eine hohe Zahl der jährlich über 50.000 planbaren OPs im Klinikum Stuttgart ab, haben ein Gebäude und eine erste Intensivstation freigezogen, trainieren Fachkräfte aus dem OP in Refresher-Kursen in Beatmungsmedizin, mobilisieren auch unsere pädiatrischen Intensivmediziner und Infektiologen, die ja zum Glück bei Kindern kaum COVID19 sehen und rüsten uns apparativ, aktuell zum Beispiel mit Upgrades von Beatmungsgeräten und Einsatz von Pipettierrobotern für die Diagnostik. Damit wir nicht an den Rand der Belastbarkeit kommen - oder sogar diese Grenze überschreiten - müssen jetzt alle in Kauf nehmen, dass das öffentliche Leben stark eingeschränkt wird.

Auch die Politik ringt darum, wie dem Virus beizukommen ist. Wie sehen Sie es als Mediziner?

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, sagt: "Es geht jetzt um Leben und Tod", Frankreichs Präsident schwört ein und spricht vom Krieg gegen Corona. Ich würde sagen, wir brauchen Vernunft, Solidarität und größte gemeinsame Anstrengungen, um das zu meistern. In vielen Bereichen läuft das seit Wochen vorbildlich, zum Beispiel in täglichen Abstimmungen der Krankenhäuser in Stuttgart mit Beteiligung des Gesundheitsamts. Jeder kann durch sein Verhalten helfen, vermeidbare Todesfälle zu senken.

Mittwoch, 18.03.2020