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Die gesamte Stadtverwaltung im Blick

Gibt es den spannendsten Beruf der Welt wirklich und ist er ausgerechnet bei einer Verwaltung zu finden? Nach Aussage von Andreas Großmann schon. Er ist seit 2015 Leiter des Rechnungsprüfungsamts der Stadt Stuttgart. "Die Zeiten des kleinkarierten, Häkchen setzenden und Rechnungen prüfenden Mitarbeiters sind schon lange vorbei", klärt er auf.

Diese Meinung teilt auch sein Kollege Michael Forster. Er ist seit drei Jahren beim Rechnungsprüfungsamt tätig. "Das Besondere an unserer Arbeit sind die immer neuen Themenbereiche und Personen in den Ämtern sowie die unterschiedlichen Hierarchien, mit denen wir bei einer Prüfung zusammenarbeiten." Großmann ergänzt: "Wenn sich im Recht etwas ändert, müssen wir die Rechtsprechung genauso beachten wie die betroffenen Ämter. Es ist ein sehr komplexer und anspruchsvoller Beruf, um den Geprüften überhaupt auf gleicher Augenhöhe begegnen zu können. Bei unserer Arbeit müssen wir alles im Blick haben, auch das zuerst nicht Offensichtliche."

 
Das Rechnungsprüfungsamt ist zuständig für die Prüfung der städtischen Finanzwirtschaft, wie etwa die Jahresabschlussprüfung, Kassenprüfungen und Vergabeprüfungen sowie die Prüfung von Verwaltungsvorfällen. Die Arbeit des Rechnungsprüfungsamts wirkt sich auf die Verwaltung und durch sie auch mittelbar auf die Bürger aus. "Wir prüfen die ordnungsgemäße Abwicklung der Einnahmen und die Höhe der Gebühren auf Grundlage gesetzlicher Regelungen", erklärt Forster. "Dadurch können unsere Bürgerinnen und Bürger auf die korrekte Berechnung städtischer Leistungen und Gebühren, wie etwa für Abwasser, die Schwimmbadnutzung oder Baugenehmigungen, vertrauen." Wichtig ist, zuverlässig das Recht um- und durchzusetzen. "Die Stadt hat bei der Daseinsvorsorge eine hohe Verantwortung gegenüber ihren Einwohnern. Die Lebensqualität hängt unter anderem von einer ordnungsgemäß arbeitenden ­Verwaltung ab", erklärt Großmann. Somit nimmt das Rechnungsprüfungsamt durch seine Prüfungen und Beratungen eine Unterstützungsfunktion für Politik und Verwaltung wahr.
 
"Neben Einzelvorgängen prüfen wir auch Systeme und Prozesse. Wir schauen darauf, dass die Verwaltung recht­mäßig, zweckmäßig und wirtschaftlich handelt", so Großmann weiter. Eine Prüfung ist ein Soll-Ist-Vergleich, bei der es auf folgende Punkte ankommt: Werden die finanziellen und zeitlichen Vorgaben eingehalten und stimmt die Qualität? Über allem steht das Thema Rechts- und Verfahrenssicherheit. "Genaugenommen prüfen wir keine Akten, sondern Menschen. Denn hinter jedem Vorgang steht eine zuständige Person", so Großmann. "Die Kolleginnen und Kollegen in den Ämtern nehmen unsere Prüfungen sehr ernst und ­persönlich, denn es geht um ihre Arbeitsleistung. Daher schauen wir auch nicht vorwurfsvoll nach Fehlern und Defiziten, sondern nach vorne und suchen gemeinsam nach Lösungen und Alternativen." Befragungen werden immer auf gleicher Augen­höhe durchgeführt. "Es geht um Respekt und nicht darum, jemanden in die Pfanne zu hauen. Wenn sich dadurch etwas verbessert, Fehler vermieden werden können oder eine wirtschaftlichere ­Alternative gefunden wird, ist das ein Erfolg. Ich habe 25 Jahre auf der anderen Seite gearbeitet und dabei Rechnungsprüfer erlebt, die Angst und Schrecken verbreitet haben." Glaubwürdigkeit, Fairness und Respekt sind für Großmann daher wichtige Werte.

Prüfer sprechen nur Empfehlungen aus

Die Prüferinnen und Prüfer ­geben unter anderem Handlungsempfehlungen zur Optimierung von Prozessen und Verbesserungsvorschläge, zeigen Einsparpotenziale auf und weisen auf finanzielle und rechtliche Risiken hin. Allerdings können sie nur Empfehlungen aussprechen und auf Sachverhalte hinweisen, selbst aber keine Durchführung der Änderungen verlangen. "Der Verwaltung und uns hilft es nicht, wenn der Prüfbericht nur abgelegt wird. Wir brauchen die Akzeptanz der Er­gebnisse, damit die Geprüften nötige Änderungen vornehmen." So sieht es auch Forster: "Die Geprüften sind auch dankbar, wenn wir eine Lösung anregen, die ihnen ­ihre Arbeit ­erleichtert."
 
Schlussendlich steht und fällt die Prüfung mit der Qualität der Prüfer. Prüfungen sind ein Vertrauensgut, ihre Qua­lität kann nur schwer gemessen werden. Daher nimmt das Qualitätsmanagement im Rechnungsprüfungsamt für Andreas Großmann einen sehr hohen Stellenwert ein. "Wir können nicht fordern, dass die Verwaltung auf hohem Niveau arbeitet, ohne selber auch unsere Prüfungsqualität zu sichern. Deshalb haben wir ein Qualitätsmanagement-System mit Standards, und jeder hat bei uns die Möglichkeit und Verpflichtung, sich fachlich weiterzubilden", erklärt er.
Das ist unter anderem bei der Württembergischen Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie (VWA) und dem Institut der Rechnungsprüfer (IDR) möglich. Bei letzterem ist die Stadt seit 2017 Mitglied. Neben seiner Amtsleitertätigkeit ist Andreas Großmann Mitglied im IDR-Vorstand und in der IDR-Landesgruppe Baden-Württemberg aktiv. Die Mitglieder sind ehrenamtlich tätig und vertreten als Berufsverband die Interessen der Rechnungsprüfer unabhängig von politischen Dingen. Sie versuchen, in den Bundesländern - trotz unterschiedlichen Rechts - einheitliche Normen für gleiche Standards und gleiche Qualität zu schaffen. "Die Rechnungsprüfungslandschaft ist im Kern schon gleich, aber sie weist viele unterschiedliche Facetten auf", fasst Michael Forster zusammen.
 
Als erster Rechnungsprüfer in Baden-Württemberg nahm er dort an der berufsbegleitenden Fortbildung zum zertifizierten Rechnungsprüfer teil und schloss sie im Dezember 2019 bundesweit als Jahrgangsbester ab. "Wir sind sehr stolz auf diese Leistung", betont Andreas Großmann. Die Fortbildung dauerte insgesamt drei Jahre, darunter 20 Präsenztage und ein dreimonatiges Prüfungsprojekt. Vier weitere Kolleginnen und Kollegen haben sich bereits für den Lehrgang entschieden.

Rechnungsprüfungsamt der Stadt

Die Aufgaben des Rechnungsprüfungsamts sind in der Gemeindeordnung (§§ 110 bis 112) und in der städtischen Rechnungsprüfungsordnung festgelegt und umfassen die Prüfung der Ordnungsmäßigkeit des Haushaltsvollzugs und der Rechnungslegung sowie der Organisation und Wirtschaftlichkeit der städtischen Verwaltung einschließlich der Eigenbetriebe.

Das Rechnungsprüfungsamt mit seinen derzeit 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern untersteht unmittelbar dem Oberbürgermeister, ist unabhängig und nicht an Weisungen gebunden. "Wir prüfen unabhängig und weisungsfrei, haben aber keine Entscheidungsgewalt. ­Zudem stellen wir einmal im Jahr im Gemeinderat unseren Schlussbericht vor", so Amtsleiter Andreas Großmann. Die Berichte stehen auf www.stuttgart.de/rechnungspruefungsamt, rechts unter Publikationen.

Das Amt besteht aus vier Abteilungen: Allgemeiner Service; Verwaltungsbereiche; Finanzwesen, Betriebswirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnik; Bau­wesen und Beschaffung. Auch die Zentrale Antikorruptionsstelle ist hier angesiedelt. Das Rechnungsprüfungsamt selbst wird von der Gemeindeprüfanstalt kontrolliert. (gi)

Freitag, 12.06.2020