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Digital Deutsch lernen in Corona-Zeiten

Die Landeshauptstadt fördert seit 2012 die Deutschkurse des Jugendmigrationsdiensts der AWO Stuttgart im Rahmen eines ergänzenden Deutschunterrichts. Das ermöglicht jedes Schuljahr bis zu 100 Schülerinnen und Schülern, besser Deutsch zu lernen. Seit Mitte März ist alles anders: Mit der Schließung der Schulen wegen der Corona-Pandemie musste auch das Bildungsangebot der AWO eingestellt werden. Jetzt lernen die Deutschschüler im Online-Unterricht.

Digital Deutsch lernen in Corona-ZeitenDer Erwerb von Deutschkenntnissen ist eine wichtige Basis für den weiteren Integrationsprozess. Foto: Getty Images - Alexsl/Stadt Stuttgart

Die wöchentlichen Präsenzangebote im Fach Deutsch für Schülerinnen und Schüler aus Vorbereitungsklassen, die zur Prüfungsvorbereitung durch Nachmittags- und Ferienlernangebote für Jugendliche aus Regelklassen ergänzt werden, haben sich bewährt. In Angeboten zur Prüfungsvorbereitung können Lerninhalte in Mathe oder Englisch aufgeholt oder EDV-Kenntnisse verbessert werden, wenn diese beispielsweise für eine Präsentationsprüfung notwendig sind. Wie aber erreicht man in einer Zeit, in der persönliche Kontakte fast nicht möglich sind, Jugendliche, die kaum Deutsch sprechen und oft wenig geübt sind in der Nutzung digitaler Medien? Die hauptamtlichen Fachkräfte des Jugendmigrationsdiensts haben versucht, die Jugendlichen per Telefon, E-Mails, SMS oder über Messenger-Dienste zu erreichen. Bei vielen gelang dies, und die Mitarbeiterinnen konnten den Jugendlichen signalisieren: "Wir unterstützen euch, auch wenn wir uns gerade nicht persönlich treffen können." Viele Jugendliche reagierten aufgeschlossen, denn ohne den regelmäßigen Schulbesuch, häufig in beengten Wohnsituationen, ist es vielen langweilig. Darüber hinaus fehlen Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen und das bereits Erlernte zu üben. Der 16-jährige Muhammad ist sehr motiviert: "Wir sind geboren, um zu lernen, und niemand kann uns davon abhalten. Es gibt immer eine Methode für jedes Problem, und der Online-Unterricht ist unsere Lösung."

Viel Zeit investiert

Die Mitarbeiterinnen haben Online-Konzepte entwickelt, die Begleitung und Förderung der Jugendlichen unter den geänderten Bedingungen digital fortzuführen. Monica Furch vom AWO Jugendmigrationsdienst erläutert: "Die ersten zwei Gruppen 'Einfach Deutsch' konnten bereits nach den Osterferien mit einem Online-Video-Unterricht beginnen. Mittlerweile sind drei weitere Gruppen digital gestartet. Damit finden fünf der sieben Kurse wieder statt, zweifellos unter erschwerten Bedingungen, aber immerhin mit mehr als der Hälfte unserer Kursteilnehmerinnen und - teilnehmer."

Viel Zeit mussten die Mitarbeiterinnen im Vorfeld investieren, um den korrekten Einsatz der notwendigen Konferenz-App zu vermitteln. Die App kann von jedem Handy aus bedient werden. Eine wichtige Voraussetzung, denn viele Jugendliche besitzen keine weiteren technischen Endgeräte. Bei begrenztem Datenvolumen kann am Online-Unterricht auch ohne Videofunktion teilgenommen werden. Je höher das bereits vorhandene Deutschniveau der Schülerinnen und Schüler, desto besser gelingt die Teilnahme am Online-Unterricht. Im Alphabetisierungskurs ist die Teilnehmerzahl bisher deshalb nur gering. Aber nicht nur die technischen und sprachlichen Hürden sind zu überwinden, viele Schüler haben keinen Platz, an dem sie ungestört dem Online-Angebot folgen können. Ein eigenes Zimmer haben die wenigsten. Oft bleibt nur das gemeinsame Wohnzimmer, das sich alle Familienmitglieder teilen müssen. Da wird eine Parkbank oft zum Lernort umfunktioniert.

Digital Deutsch lernen in Corona-ZeitenDie Lehrkräfte geben sich viel Mühe mit der Gestaltung und dem Aufzeichnen der Online-Angebote. Foto: Getty Images - Franz12/Stadt Stuttgart

Offen und interessiert

Die langjährige Kursleiterin Svetlana Onkhotoeva lobt ihre Schülerinnen und Schüler: "Sie nehmen den Online-Unterricht ernst, erledigen ihre Hausaufgaben und sind pünktlich im virtuellen Kursraum." Nur die technischen Voraussetzungen seien nicht immer ideal. Kursleiterin Annette Lui ergänzt: "Online-Unterricht ist in Zeiten geschlossener Schulen eine gute Möglichkeit, mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben. Sie können so die deutsche Sprache regelmäßig anwenden, was in ihrem privaten Umfeld häufig nicht der Fall ist."

Wie wichtig eine gemeinsame Basis zwischen Schülerinnen und Schülern und Kursleiterinnen ist, wurde in den vergangenen Wochen deutlich. Svetlana Onkhotoeva: "Unsere Schüler sind in erster Linie Kinder, die Zuwendung und Verständnis brauchen, vor allem in dieser besonderen Situation. Wahrscheinlich nehmen sie deshalb unser Online-Angebot so offen und interessiert an." Beide ziehen ein positives Fazit. Das Angebot werde von allen Beteiligten als gute und sinnvolle Art des Unterrichts während der Corona-Krise gesehen, auch wenn dieser nur temporär der Überbrückung diene und kein vollwertiger Ersatz für den Präsenzunterricht sei.
Die Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, Isabel Fezer: "Es ist wichtig, dass wir in dieser schwierigen Zeit auf das große Engagement der Fachkräfte zählen können. Ohne die vielen kreativen Ansätze wären diese wichtigen Online-Angebote für die Jugendlichen nicht möglich. Ich danke allen Akteuren, die sich auf so großartige Weise für die Kinder und Jugendlichen in der Stadt einsetzen."

Für die kommenden Wochen will der Jugendmigrationsdienst der AWO ein "Misch-Modell" etablieren, sobald die Verordnungen dies zulassen. Ein wöchentliches Präsenzangebot soll in Kombination mit dem Online-Angebot die Beziehungsarbeit stärken, eine größere Methodenvielfalt bieten und die Teilnehmenden in der Nutzung digitaler Anwendungen schulen, bis die Kurse wieder wie gewohnt stattfinden können. Was bleiben wird, ist eine erweiterte digitale Kompetenz auf Seiten der Schülerinnen und Schüler, aber auch bei den Kursleitungen. Nach dem Motto "Behaltet das Gute" werden die digitalen Möglichkeiten sicher künftig auch im Präsenzangebot eine stärkere Rolle spielen.

Donnerstag, 18.06.2020