Aktuelles
  •  

Abschied mit einem guten Gefühl

Die Corona-Krise macht dem städtischen Orchester sehr zu schaffen, denn ein Zusammenspiel der 86 Musiker ist seit März nicht möglich. Und nun kommt noch der Abschied von gleich zwei Chefs hinzu: Der Kaufmännische Intendant Tilman Dost wechselt nach drei Jahren zu den Münchner Symphonikern und der Künstlerische Intendant Michael Stille geht nach fast 20 Jahren als Orchesterdirektor zum Theater Dortmund. Dennoch ist das Gespräch mit ihnen nicht nur von Sorge geprägt, sondern vom Stolz auf die Philharmoniker, von Freude über die Zeit in Stuttgart und Zuversicht.

Abschied mit einem guten Gefühl - Die Intendanten der Stuttgarter Philharmoniker Tilman Dost und Michael Stille über Pläne in Corona-Zeiten'Wir kommen vorbei!': Seit Anfang Mai spielen die Stuttgarter Philharmoniker in kleinen Ensembles für Senioren und Menschen mit Behinderung - im Grünen und mit Abstand. Außerdem haben gerade die Sommerkonzerte im Gustav-Siegle-Haus begonnen. Die Hoffnung ist groß, als Orchester bald wieder in voller Besetzung vor großem Publikum auftreten zu können. Archivfoto: Thomas Wagner/Stadt

Wie erlebt das Orchester die Corona-Krise?

Dost: Sehr schwierig, wie alle Orchester. Es darf nicht mehr auftreten, und damit ist das Ureigenste des Berufs, das Musizieren vor Publikum, genommen. Ein Musiker lebt vom Kontakt mit dem Publikum, der öffentlichen Darstellung. Es ist wirklich tragisch, dass das nicht möglich ist. Natürlich üben die Musikerkollegen zu Hause, bereiten sich vor, halten sich fit. Aber es ist ähnlich wie bei einem Hochleistungssportler, dem man sagt: "Du kannst selbstverständlich zu Hause trainieren, aber der 100-Meter-Lauf fällt aus."

Stille: Länger als sechs Wochen pausiert ein Sinfonieorchester normalerweise nicht in Deutschland. Jetzt sind es schon Monate, aber wir hoffen, dass es bald zu Ende ist. Es wird längere und intensivere Proben erfordern, bis man die alte Klangkultur wiederfindet.

Kommen wir zur nächsten Spielzeit. Sie haben die Planung dafür, wie immer, sehr früh begonnen, weit vor der Corona-Krise. Die Überschrift "Einfach himmlisch!" klingt enorm euphorisch.

Stille: Ich glaube, dass der Titel "Einfach himmlisch!" passender ist denn je. Nur mit einem Blick nach oben, damit meine ich mit Hoffnung und dem Glauben, dass die Menschheit diese Krise bewältigen wird, können wir das alles schaffen. Das Motto spricht etwas zutiefst Musikalisches an: Die alte Vorstellung, dass der liebe Gott im Himmel von Engeln umgeben ist, die ihn unentwegt ansingen, ist im Grunde die Basis dafür, dass wir unsere Musikkultur entwickelt haben. Diesen Aspekt der Transzendenz zu thematisieren, war ein lang gehegter Wunsch, und auch, dabei nicht nur die christliche Sicht zu betonen, sondern andere Religionen, den Islam und das Judentum zu berücksichtigen. Das andere Thema ist "Die Große Liebe?" - mit Fragezeichen, weil, wie zum Glauben der Zweifel, zur Liebe auch der Hass dazugehört. All diese Werte sind nie zu 100 Prozent zu haben. Wir müssen ständig erfahren, dass nichts vollkommen ist. Trotzdem haben diese Ideale auch Künstlern Kraft gegeben, daraus etwas zu entwickeln.

Sie bieten auch wieder ein Stummfilmkonzert an.

Stille: Ja, diesmal "Das Weib des Pharao", ein Film aus den 20er-Jahren von Ernst Lubitsch mit der Musik von Eduard Künneke, die Frank Strobel nach der Originalpartitur dirigiert. In großen Kinos hat man damals diese Filme mit Orchester aufgeführt. Und dann hat natürlich Dan Ettinger viele seiner Lieblingskomponisten und -werke in das Programm eingefügt und die Themen der Spielzeit mit sehr viel eigenen Gedanken bereichert, beispielsweise gleich zu Beginn der Saison die "kleine" Rossini-Messe, in Wirklichkeit ein riesiges Werk, wo der Himmel sich auf eine ganz besondere Weise öffnet.

Dan Ettinger schätzt den Gesang im Konzert ja auch sehr.

Stille: Deshalb will er auch am Ende der Saison die Faust-Sinfonie von Liszt mit Tenor und Männerchor dirigieren. Natürlich ist all das in der Corona-Krise nicht ohne Risiko zu planen, weil Gesang, besonders von Chören, wegen der Aerosole als besonders problematisch gilt. Auch der Auftakt der anderen Reihe, "Die Große Liebe?", soll mit Gesang beginnen, mit Leonard Bernsteins wunderbarer Kurzoper "Trouble in Tahiti".

Wie ist denn die Situation bei den Abonnements und beim Kartenverkauf?

Dost: Wir haben eine ständig steigende Zahl an Abonnenten. Es ist wirklich auch ein Merkmal des Orchesters, so treue Kunden und Hörer zu haben. Das ist ganz wichtig für uns.

Stille: Wir haben die Abonnenten befragt, ob sie ihr Geld erstattet haben möchten oder Gutscheine oder auf ihr Geld verzichten, wenn ihre Veranstaltung ausfallen musste. Wenn ich es richtig sehe, sind es sehr viele, die bis jetzt bereit sind, auf ihr Geld zu verzichten und damit das Orchester massiv zu unterstützen.

Lassen Sie uns wenigstens kurz zurückblicken. Herr Dost, was wird Ihnen aus Ihren drei Jahren besonders in Erinnerung bleiben an Erfahrungen in Stuttgart?

Dost: In Erinnerung bleibt mir dieses wunderbare Orchester, das wirklich seinen Platz in der Stadt verdient hat. Ich hatte hier eine ganz tolle Zeit und eine tolle Zusammenarbeit mit dem Kollegen Stille. Ich glaube, wir haben sehr viel gearbeitet und das Orchester weiter nach vorne gebracht. Und die Philharmoniker haben verdient, die Mittel zu bekommen, die ihrem Potenzial entsprechen. Mir werden auch viele sehr nette Menschen in Erinnerung bleiben, die ich hier getroffen habe. Ich habe die Gastfreundschaft und Offenheit hier sehr geschätzt.

Bei Ihnen, Herr Stille, sind es fast 20 Jahre, das ist eine lange Zeit. Ihr Name ist eng mit den Stuttgarter Philharmonikern verbunden. Wenn Sie jetzt nach Dortmund gehen, was ­bedeuten diese Jahre für Sie?

Stille: Es wird auf jeden Fall die längste Zeit meines Lebens gewesen sein, die ich an einem Ort verbracht habe. Man kann 20 Jahre nicht in wenige Worte fassen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so lange für dieses Orchester arbeiten konnte. Es hat Spaß gemacht, ich habe hier ein wunderbares Publikum kennengelernt, ein tolles Orchester. Was mich auch faszinierte, ist, dass die Stuttgarter sehr wissbegierig sind, wenn Sie nur an unsere Einführungsveranstaltungen denken, manchmal mit mehreren hundert Personen. Wir verknüpfen unsere Programme immer auch mit anderen Ebenen des Kulturellen, mit Fragen nach Heimat, Krieg und Frieden, nach Literatur... bis zur Astronomie oder Psychiatrie. Da haben wir immer auch mit viel Freude mit anderen kooperiert und das Orchester in der Stadt vernetzt.

Ich habe hier viel, sehr viel gelernt, und in den letzten Jahren mit Tilman Dost auch noch mal Gas geben können. Wir haben nochmals die Zahl der Konzerte deutlich erhöht, von ehemals 85 auf bis 115, 120 Veranstaltungen pro Jahr. Wir haben zum Beispiel gemeinsam auch die Nachtschwärmer-Konzerte mit dem Bix-Jazzclub installiert.

Es ist uns im Laufe der Zeit gelungen, das Orchester in der Stadt zu etablieren. Zuerst mit Gabriel Feltz, der einen wichtigen Anteil am Erfolg hatte, dann hat Dan Ettinger darauf sehr erfolgreich weitergebaut. Deshalb gehe ich auch mit einem guten Gefühl. Das Orchester braucht neue Gesichter, auch künstlerisch muss man neue Wege gehen, und deshalb ist es ganz natürlich, dass man irgendwann wechselt.

Dost: Das sehe ich auch so. Wir haben in den letzten Jahren zusammen sehr gute Grundlagen für das Orchester schaffen können. Es steht sowohl finanziell als auch künstlerisch bestens da. Die vielen hoch motivierten Musiker haben ­alle Möglichkeiten, die Stuttgarter Philharmoniker zu neuen musikalischen Höhenflügen starten zu lassen.

Die Fragen stellte Karin Hascher. Eine ausführlichere Fassung des Gesprächs wird in der Broschüre zur Konzertsaison 2020/2021 zu lesen sein.

Freitag, 26.06.2020