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Landeshauptstadt Stuttgart

Städtische Kultureinrichtungen

Frag mich - Das Kulturamt stellt sich vor

Im Kulturamt mit seinen acht Abteilungen arbeiten Menschen, die ganz unterschiedlichen Berufen nachgehen. Einen kleinen Einblick gibt unser Social-Media-Format „Frag mich“. Im monatlichen Turnus stellen wir die Antworten unserer Mitarbeiter*innen auch hier vor – vom Astrogator bis zur Verwaltungswirtin.

Nach der Registrar Stephanie Habel, dem Astrogator Michael Köstler, der Kinderbibliothekarin Sandra Hatwig und dem Fachbereichsleiter Bläser Oliver Hasenzahl stellt Melanie Köhler-Pfaffendorf den Beruf der Archivarin vor.

Interview mit Köhler-Pfaffendorf - Archivarin am Stadtarchiv Stuttgart

Der Archivberuf ist unglaublich facettenreich und verantwortungsvoll, findet Melanie Köhler-Pfaffendorf.

Wie wird man Archivarin in Stuttgart? Welche Ausbildung oder Studium haben Sie gelernt?

Es gibt verschiedene Wege: Zum einen gibt es den Ausbildungsberuf als Fachangestellte/r für Medien- und Informationsdienste – kurz „Fami“ – im Fachbereich Archiv. Diese bildet auch das Stadtarchiv Stuttgart aus. Ich absolvierte direkt nach meinem Abitur eine Ausbildung als „Archiv-Fami“ beim ehemaligen Stasi-Unterlagen-Archiv in Erfurt. Danach entschied ich mich, zusätzlich noch Archivwissenschaft zu studieren. Dies kann man in Vollzeit oder auch berufsbegleitend im Bachelor- und Masterstudiengang an der Fachhochschule Potsdam studieren - oder wie ich über die Archivschule Marburg. Hier durchläuft man, je nach Vorbildung, die Beamtenlaufbahn für den gehobenen oder den höheren Dienst an einem der beteiligten Landesarchive. Ich habe diese am Landesarchiv Baden-Württemberg absolviert - inklusive einem 1,5-jährigen Diplom-Studium an der Archivschule Marburg. Berufserfahrung sammelte ich am Stadtarchiv Göppingen, bis eine Stelle beim Stadtarchiv Stuttgart – meiner Traumstadt – frei wurde. Quereinstiege sind aber auch möglich.

Neben ihrer Arbeit als Archivarin schreibt sie auch Artikel für den Blog des Stadtarchivs Archiv0711.

Was fasziniert Sie am meisten an diesem Beruf?

Das Aufgabenspektrum im Stadtarchiv reicht vom Recherchieren und Bewerten von Archivgut über das Erhalten des Bestands bis hin zur öffentlichen Präsentation. Dabei stellen sich viele spannende Fragen: Was wird in Zukunft historisch relevant sein? Wie kann ich Archivgut dauerhaft erhalten, auch mithilfe der digitalen Langzeitarchivierung? Wie können wir Nutzer*innen optimal beraten und ihnen Archivgut für die wissenschaftliche und private Auswertungen zur Verfügung stellen? Und wie kann ich Archivgut thematisch für alle zugänglich machen? Unter uns Archivar*innen gibt es viele Spezialist*innen zu den einzelnen Themenbereichen und im Arbeitsalltag kommen wir mit allen Inhalten in Berührung. Es wird also nie langweilig.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Das Stadtarchiv bewahrt archivwürdige, authentische Unterlagen für die Ewigkeit auf. Das ist im Zeitalter von Halbwahrheiten und alternativen Fakten sehr wichtig. Unser Ziel ist es, mit den übernommenen Unterlagen das gesamte Spektrum der Stadtgesellschaft abzubilden. Das ist eine große Verantwortung. Eine spannende Frage ist auch: Wie kann man sich in ferner Zukunft an unsere jetzige Gegenwart erinnern? 

Welche Arten von Archivgut gibt es im Stadtarchiv?

Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Archivgut. Klassischerweise kommen einem sicher zuerst Verwaltungsakten, Urkunden oder Fotos in den Sinn. Doch wir archivieren unter anderem auch Karten und Pläne, Plakate, Autographen, Klebemarken, Gemeinderatsprotokolle, die Einwohnermeldekartei, Personenstandsregister, Gewerberegister, audiovisuelle Medien, Münzen, private Tagebücher, Vereinsunterlagen und Zeitungen. Vieles davon liegt analog vor, einige Unterlagen übernehmen und archivieren wir aber auch digital.

Der kulturwissenschaftliche Wert mancher Quellen ist enorm. Quellen werden von den Archivar*innen genau gelesen.

Gab es ein Schriftstück rund um die Stadtgeschichte, das Sie ganz besonders beeindruckt hat?

Besonders fasziniert hat mich eine Archivquelle, die mir aufgrund ihres ungewöhnlichen Namens wie auch aufgrund des Inhalts im Kopf hängen geblieben ist: Ein Skortationsprotokoll aus dem Bestand 917 Plieningen. Dieses enthält im Zeitraum von 1806 bis 1827 zahlreiche Einträge von Vernehmungsberichten, in denen sich unverheiratete Frauen wegen Ihrer Schwangerschaft oder der bereits geschehenen Geburt erklären mussten. Der lateinisch-deutsche Begriff „Skortation“ kann frei übersetzt werden mit „Unzucht.“ Diese Quelle fand ich so beeindruckend, dass ich dazu einen Beitrag für unseren  Blog Archiv0711 (Öffnet in einem neuen Tab) verfasste, der einen Ausblick darauf gibt, was eine uneheliche Geburt für Frauen im 19. Jahrhundert für Konsequenzen hatte. Der kulturwissenschaftliche Wert dieser Quelle ist enorm.

Der Lesesaal ist hell, freundlich und kommunikativ - ganz im Gegensatz zum Klischee eines Archivs.

Welches Klischee des Archivs können Sie bestätigen oder widerrufen?

Die Klischees über Archive sind so alt wie die Archive selbst. Sie werden dadurch aber immer noch nicht wahr. Nein, wir Archivare/innen sitzen nicht abgedunkelt und abgeschottet im Keller. Wir mögen es hell und haben gern Tageslicht und Kontakt mit Menschen, die zum Recherchieren in unseren Lesesaal kommen. Aber unsere Unterlagen mögen es hingegen dunkel und kühl, damit sie möglichst lange erhalten bleiben. Wir sind auch keine forschenden Historiker*innen oder arbeiten im Geheimen: Wir machen Archivquellen zugänglich und nutzbar. Wenn etwas nicht zugänglich ist, dann nur, weil gesetzliche Sperrfristen greifen und ein höherwertiges Schutzrecht – beispielsweise sensible personenbezogene Daten in Archivgut - geschützt werden müssen. Wir sind transparent und offen. 

Mit der Fotosammlung lassen sich viele historische Fragen klären.

Wo findet man alte Stuttgart Bilder, um zum Beispiel seine eigene Straße/Wohngebäude auf historischen Fotos zu sehen? Gibt es auch kostenfreie Möglichkeiten, diese zu verwenden?

Im Lesesaal des Stadtarchivs kann man immer kostenfrei historische Fotos recherchieren und anschauen. Die Fotos, die für das Projekt  „Stuttgart 1942“ (Öffnet in einem neuen Tab) von der Stuttgarter Zeitung in einer Datenbank aufbereitet worden sind, sind im Bestand „101 Amt für Bodenordnung“ archiviert und erschlossen. Im Lesesaal können Sie Fotos zu Ihrer gesuchten Straße anhand von Listen ermitteln und bestellen, ebenso gibt es einen kostenfreien Zugang zur Datenbank der Stuttgarter Zeitung. Darüber hinaus verwahrt das Stadtarchiv thematische Fotomappen, verschiedene Fotonachlässe oder auch amtliche Fotoüberlieferungen, zum Beispiel vom Hochbauamt. Diese können bestellt und eingesehen werden. Reproduktionen und Veröffentlichungen des Fotomaterials sind gegen eine Gebühr möglich. Allerdings muss natürlich das Urheberrecht beachtet werden. Zu einzelnen Themen der Stadtgeschichte sind Fotos auch digital in den Bildergalerien des  Digitalen Stadtlexikons (Öffnet in einem neuen Tab) kostenfrei abrufbar.

Kann man im Stadtarchiv auch nach Einträgen/Unterschriften bestimmter Personen im Goldenen Buch der Stadt Stuttgart suchen lassen?

Man kann immer selbst in unseren Unterlagen recherchieren und natürlich auch die bereits archivierten Goldenen Bücher in den Lesesaal bestellen. Eine faszinierende Quelle, was die Außenkontakte der Stadt betrifft. Mir besonders in Erinnerung geblieben ist die Unterschrift von Queen Elizabeth II. am 24. Mai 1965. Da die Queen ein eng getaktetes Besuchsprogramm hatte und das Rathaus nicht besuchen konnte, brachte ihr Oberbürgermeister Klett das Goldene Buch im Restaurant des Fernsehturms vorbei. Im Stadtarchiv gibt es auch ein Foto, das den Akt der Unterschrift zeigt. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich viele Unterlagen bei uns ergänzen.

Stuttgart: Fahrrad- oder Autostadt? Stuttgarter Straßenszene 1938

Was ist Ihr Lieblings-Fun-Fact in der Geschichte Stuttgarts?

Stuttgart war tatsächlich mal eine Fahrradstadt! Kaum zu glauben, wenn man den heutigen Stuttgarter Verkehrsraum betrachtet, der sehr stark auf das Automobil zugeschnitten ist, oder? Die Stadt wurde am Ende des 19. Jahrhunderts von einem massiven Radfahrboom erfasst. Und die Interessen der Radfahrer*innen wurden bald mithilfe von Vereinen durchgesetzt, wie beispielsweise dem 1886 gegründeten, bürgerlichen Radfahr-Verein Stuttgart – eine Geschichte, die sich übrigens auch mit Unterlagen aus dem Stadtarchiv recherchieren lässt. Ab Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich dann aber das Automobil durch.

Wie kann ich dem Stadtarchiv digital folgen?

Digital kann man dem Stadtarchiv neben der Seite auf  stuttgart.de/stadtarchiv (Öffnet in einem neuen Tab) auf Twitter und Instagram folgen. Auf Instagram findet man uns unter dem Account  freunde_archiv0711 (Öffnet in einem neuen Tab), auf Twitter unter dem Accout  @FArchiv0711 (Öffnet in einem neuen Tab).

Und vergessen Sie nicht, wöchentlich einen Blick auf unseren  Blog Archiv0711 (Öffnet in einem neuen Tab) zu werfen: Hier gibt es regelmäßig spannende Informationen zu Veranstaltungen, der Archivarbeit und der Stuttgarter Stadtgeschichte. 

Vielen Dank für die interessanten Einblicke, Melanie Köhler-Pfaffendorf!

Die Fragen wurden im Rahmen der Social‐Media‐Aktion „Frag mich“ gesammelt und vom Kulturamt aufbereitet.

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Anfang Januar stellt sich Carolin Brändle, Verwaltungsangestellte im Kulturamt Ihren Fragen.

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