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Landeshauptstadt Stuttgart

Presse

Ein Jahr Corona in Stuttgart: Gesundheitsamtsleiter zieht Bilanz

Prof. Ehehalt: „Das war ein sehr aufreibendes Jahr“

Die Verhinderung bzw. Eindämmung übertragbarer Krankheiten gehört zu den wichtigsten Zielen der Gesundheitsämter - sagte Prof. Stefan Ehehalt zum Amtsantritt. Seit Mai 2018 ist der nun 46-Jährige Leiter des Gesundheitsamtes der Landeshauptstadt Stuttgart.

Und kämpft seit einem Jahr dafür, sein selbstgestecktes Ziel bestmöglich zu erreichen und die Corona-Pandemie in Stuttgart einzudämmen.

Wie Ehehalt das letzte Jahr erlebt hat und welche Bilanz er zieht, schilderte er am Mittwoch, 3. März, im Interview: „Für uns im öffentlichen Gesundheitsdienst ist es nicht selten, dass man sich mit neuartigen übertragbaren Erkrankungen beschäftigt. Aber dass dieses Virus so schnell auf der ganzen Welt ankommt, das ist und war etwas ganz Außerordentliches. Es war ein sehr aufreibendes Jahr. Aber wir haben schnell dazugelernt. Es ist ja wichtig, dass man parallel zum Bekanntwerden und Ausbreiten eines neuartigen Virus auch möglichst viele Erkenntnisse darüber gewinnt.“

Den ersten Kontakt mit dem Corona-Virus hatte Ehehalt an einem Freitagabend im Januar 2020: „Das war im privaten Umfeld. Wir waren gerade unterwegs mit der Familie beim Italiener, da kam ein Anruf aus der Leitstelle. Es war ein Reiserückkehrer aus Wuhan, der eine Frage zum Virus hatte.“

Der Fall stellte sich als harmlos heraus, dennoch war spätestens da klar: das Virus rückt näher. Intensiv bereiteten sich Ehehalt und sein Amt auf Covid-19 vor: „Eine Pandemie kann man nur bewältigen, wenn man sich mit den zuständigen Stellen vernetzt und abstimmt. Also sind wir in kürzester Zeit mit allen Beteiligten in Kontakt getreten: mit den Krankenhäusern, städtischen Ämtern, Trägern, Firmen, Kulturstätten – im Prinzip mit allen, die Stuttgart ausmachen. Das Ziel war und ist, Stuttgart so gut es geht durch die Pandemie zu bringen.“

Schnell stand fest: jeder kann sich potentiell infizieren, das Virus verbreitet sich unbemerkt und weltweit mit hoher Geschwindigkeit. Je länger die Pandemie andauert, desto mehr weiß man über das Virus. Und doch gab es immer wieder neue Hürden, so Ehehalt: „Jede Form der Mobilität und auch die Mutationen haben das Infektionsgeschehen immer wieder verändert.“

Bis zum Herbst gelang es dem Gesundheitsamt bei zwei Dritteln der Fälle nachzuvollziehen, wo die Ansteckung stattgefunden hatte. Doch nun stelle sich die Situation verändert dar, so Ehehalt: „Seitdem die Inzidenz-Raten größer 50 pro 100.000 Einwohner pro Woche sind, steigt auch der Anteil von Bürgerinnen und Bürgern, die zumeist keine Erklärung dafür haben, wo sie sich angesteckt haben könnten. Und das bedeutet, dass bei rund der Hälfte der Infektionen das Infektionsgeschehen diffus verläuft. Zudem ist in Stuttgart mit dem Überschreiten der Inzidenz von 50 leider auch der Fall-Verstorbenen-Anteil angestiegen. Der allergrößte Teil stirbt wegen Corona, nicht mit Corona.“ Der Gesundheitsamtsleiter betonte allerdings auch: „Wir haben mit dem Statistischen Amt genauer hingeschaut: insgesamt gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keinen Hinweis auf eine Übersterblichkeit.“

Um Menschen in Alten- und Pflegeheimen möglichst gut zu schützen, hat die Stadt Stuttgart früh den Austausch mit den Trägern gesucht. Im Gesundheitsamt wurde ein Team gebildet, das speziell Pflegeheime berät, sowie ein Arbeitskreis gegründet unter anderem mit Chefärzten der Stuttgarter Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten, der kassenärztlichen Vereinigung unter Einbezug von Vertretern der älteren Menschen. Ehehalt erläuterte: „In diesem Arbeitskreis nehmen wir die gesamte Gruppe der älteren Menschen in den Blick. Ein Beispiel: viele ältere Menschen sind zu Beginn der Pandemie nicht mehr zum Hausarzt gegangen, aus Sorge vor Ansteckung. Eine Initiative der Stuttgarter Hausärzte hat dann gezielt diejenigen aus der Kartei angerufen, die eine Vorerkrankung haben und länger nicht mehr in der Praxis waren.“

Dabei gehe die Pandemie an allen nicht spurlos vorbei, so Ehehalt: „Probleme, die vorher schon da waren, verschärfen sich. Wie gut diese Probleme im Alltag bewältigt werden können, gelingt ganz unterschiedlich. Unser Eindruck ist, dass Ältere damit oft besser zurechtkommen, weil ihnen ein ganz anderes Repertoire zur Verfügung steht, um mit Schwierigkeiten umgehen zu können. Und hier kommen wir als Gesellschaft wiederum ins Spiel, indem wir schauen: wo können wir helfen und an welcher Stelle müssen wir nachsteuern?“

Der Gesundheitsamtsleiter würdigte den großen Kraftakt, den jede Stuttgarterin und jeder Stuttgarter in diesem Jahr vollbracht hat: „Wenn der R-Wert bei 1 ist, sagt das, dass einer einen ansteckt. Das ist wirklich unglaublich wenig, wenn man bedenkt, dass man für gewöhnlich knapp zwei Wochen lang ansteckungsfähig ist - aber nur einen Einzigen anstecken darf, damit die Infektionszahlen nicht exponentiell verlaufen. Dies zeigt: die große Mehrheit hält sich an die Regeln und gibt sich unglaublich Mühe, um den R-Wert niedrig zu halten. Das beeindruckt mich, denn es zeugt von einer ungeheuren Disziplin und Willensstärke. So eine Pandemie kann nicht von der Verwaltung oder von der Politik, sondern nur von der Gesellschaft bewältigt werden.“

Trotz aller Anstrengung blickt Ehehalt optimistisch in die Zukunft: „Es gibt Hoffnungszeichen: wir kennen das Virus besser, es gibt Tests, die Impfung, ich weiß, wie ich mich und Andere schütze. Wir haben in diesem Jahr unglaublich viel geleistet.“