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Landeshauptstadt Stuttgart

Nahverkehr

Deutlicher Rückgang bei Fahrgastzahlen

Mehr als zwei Jahrzehnte konnte der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) immer neue Fahrgastrekorde vermelden. Die Corona-Krise hat diese Entwicklung zunächst beendet. Die Jahresbilanz 2020 zeigt Coronabedingt 39 Prozent weniger Fahrten als im Vorjahr.

Die Corona-Krise hinterlässt erhebliche Spuren in der VVS-Jahresbilanz: Am stärksten betroffen sind der Gelegenheits- und der Ausbildungsverkehr, die 2020 um über 45 Prozent zurückgegangen sind. Die Fahrten im Berufsverkehr sind um fast ein Drittel gesunken.

Im ersten Lockdown im vergangenen April waren teilweise nur noch 20 Prozent der Fahrgäste im Vergleich zum Vorjahr öffentlich unterwegs. Danach erholten sich die Fahrgastzahlen von Juli bis September auf 70 Prozent und im Ballungsraum teilweise sogar auf 80 Prozent des Vorjahresniveaus. Der zweite Lockdown zum Jahresende hat dann erneut für einen Rückgang gesorgt.

Weniger Berufs- und Ausbildungsverkehr

Insgesamt wurden die Busse und Bahnen des VVS im Jahr 2020 für rund 240 Millionen Fahrten genutzt, das sind 39 Prozent weniger als im Vorjahr. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es in den Monaten vor Corona – von Januar bis Mitte März – noch starke Zuwächse bei den Verkehrsunternehmen gab. Da während des Lockdowns im Frühjahr und Herbst weder Veranstaltungen wie Messen und Fußballspiele stattfanden, noch Restaurants, Geschäfte, Kultur- und Freizeiteinrichtungen geöffnet waren, hat sich der Gelegenheitsverkehr vergangenes Jahr um 45,8 Prozent reduziert. Dies war der stärkste Rückgang innerhalb der einzelnen Teilmärkte.

Die Fahrten im Berufsverkehr sind fast um ein Drittel gesunken (−30,5 Prozent). Dabei blieb die Zahl der Abonnenten recht stabil. Beim Firmenticket betrug der Rückgang im Vergleich zum Vorjahr insgesamt 8,1 Prozent. Bei vom Arbeitgeber bezuschussten Firmentickets waren es sogar nur 2,6 Prozent. Beim Jedermann-Abo war ein Verlust von 9,8 Prozent zu verzeichnen. Aber auch viele Stammkunden, die ihr Abo oder Jahresticket behalten haben, sind wegen Homeoffice und Kurzarbeit und fehlender Fahrtanlässe in der Freizeit weniger gefahren.

Studierende waren aufgrund von Online-Vorlesungen im Sommer- und Wintersemester nur selten mit Bus und Bahn unterwegs. Zudem ist die Zahl der Erstsemester und der ausländischen Studierenden zurückgegangen. Auch die Schülerinnen und Schüler nutzten wegen geschlossener Schulen und Distanzunterricht seltener Bus und Bahn. Deshalb sind die Fahrgastzahlen im Ausbildungsverkehr insgesamt stark zurückgegangen (−45,4 Prozent). Positiv ist dagegen, dass der Bestand des Scool- und Ausbildungs-Abos recht stabil blieb. Er ist im Laufe des Jahres nur leicht gesunken (−4,2 Prozent beim Scool-Abo beziehungsweise −5,8 Prozent beim Ausbildungs-Abo).

Dazu beigetragen hat auch die Hilfe des Landes: Wegen der Schulschließungen zu Beginn der Pandemie hat das Land Baden-Württemberg im Mai und Juni die Kosten für das Scool-Abo übernommen und so zum einen die Eltern von zwei Monatsraten entlastet, zum anderen den Verkehrsunternehmen Einnahmen und die zu diesem Zeitpunkt dringend notwendige Liquidität verschafft.

Stammkunden bleiben treu

Insgesamt hat der VVS 2020 aus reinen Fahrgeldern rund 391 Millionen Euro eingenommen (ohne Erstattungsleistungen für die Schwerbehindertenfreifahrt). Unter Berücksichtigung der Ausgleichszahlungen für die Tarifzonenreform entspricht dies einem Rückgang von rund 110 Millionen Euro beziehungsweise 20,3 Prozent. Der Rettungsschirm von Bund und Land, mit dem die Einnahmeausfälle der Verkehrsunternehmen zum großen Teil ausgeglichen wurden, hat die Aufrechterhaltung des Betriebs seit Ausbruch der Pandemie gesichert.

„Unser Dank gilt aber auch den Aufgabenträgern, die die Verkehrsunternehmen bis zur ersten Abschlagszahlung im Herbst mit Liquiditätshilfen und Vorauszahlungen gestützt haben. Außerdem haben die vielen treuen Stammkunden dazu beigetragen, dass es finanziell nicht noch dramatischer aussieht“, sagte VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger bei der Jahres-Pressekonferenz. Sein Geschäftsführerkollege Horst Stammler erklärte: „Im März hatten wir mit 230 000 Abonnenten und 111 000 Scool-Abos noch einen absoluten Rekordwert. Seither sind die Zahlen zwar zurückgegangen. Am Ende des Jahres hatten wir aber immerhin noch 210 000 Abonnenten und 107 000 Scool-Abos.“ Nach der Tarifreform im April 2019 war die Zahl der Abonnenten bis zur Corona-Pandemie kontinuierlich angestiegen. „Dieser Aufwärtstrend ist jetzt leider erst einmal gestoppt“, so Stammler.

Thomas Hachenberger fügte hinzu: „Bund und Land erstatten für das Jahr 2020 95 Prozent der Corona-bedingten Einnahmenverluste bei den Verkehrsunternehmen abzüglich eingesparter Aufwendungen.“ Inzwischen wurden vom Land Abschlagszahlungen in Höhe von 90 Prozent geleistet. Die endgültige Abrechnung erfolgt bis Ende September dieses Jahres.

Home-Office und Online-Handel prägen Mobilität

Durch den zweiten Lockdown mit erneuter Schließung von Schulen, Geschäften und kulturellen Einrichtungen sind die Fahrgastzahlen wiederum deutlich gesunken. Daher ist – laut VVS – auch 2021 ein Rettungsschirm für den öffentlichen Nahverkehr erforderlich. Die Landesregierung hat zu Jahresbeginn beschlossen, die nicht verbrauchten Mittel aus dem Jahr 2020 in Höhe von 65 Millionen Euro ins laufende Jahr zu übertragen. Außerdem wurden vergangene Woche von der Landesregierung weitere 50 Millionen Euro in Aussicht gestellt. „Wir begrüßen das sehr, allerdings ist damit zunächst nur rund die Hälfte der Einnahmeverluste für die nächsten Monate abgedeckt“, so Hachenberger. Die Zusage für die Übernahme weiterer Mittel durch den Bund steht noch aus, sie ist aber nach Ansicht der Länder, der kommunalen Spitzenverbände und der ÖPNV-Branche auch für 2021 dringend erforderlich.

„Pandemie-bedingt werden 2021 wie im Vorjahr weniger Fahrgäste mit den Öffentlichen unterwegs sein. Aber auch in den Folgejahren ist damit zu rechnen, dass sich die Nachfrage nicht gleich auf das ursprüngliche Niveau einpegelt. Homeoffice und Online-Handel werden langfristige Spuren hinterlassen und die Mobilität prägen. Daher befürchten wir, dass es noch mindestens bis 2023 dauert, bis wir die Zahlen vor Corona wieder erreichen“, so Horst Stammler.

Aktion wird wiederholt: In den Sommerferien sollen VVS-Abonnenten den Nahverkehr in ganz Baden-Württemberg nutzen dürfen.

Stammkunden halten

Ziel des VVS ist es, möglichst viele Stammkunden während der Pandemie zu halten, im Lauf des Jahres ehemalige Kunden zurückzuholen und nach Abklingen der Pandemie auch wieder neue Fahrgäste für die Busse und Bahnen zu gewinnen. „Die Verkehrswende mit dem Ziel einer wesentlichen Steigerung der Fahrgastzahlen bis 2030 steht nach wie vor auf der Tagesordnung. Erfreulich ist, dass sich alle Aufgabenträger im VVS einig sind, den Ausbau der Infrastruktur und die geplanten Ausweitungen im Leistungsangebot im geplanten Umfang durchzuführen“, sagte Horst Stammler. Bereits zum Fahrplanwechsel im Dezember wurden zahlreiche Angebotsverbesserungen vorgenommen, wie zum Beispiel ein ganztägiger 15-Minuten-Takt bei der S-Bahn oder die Einrichtung einer neuen Schnellbuslinie X4 zwischen Nürtingen und Degerloch.

Treuebonus, Sommerferienaktion und 10er-Tagesticket

Der VVS will sich bei den Abonnenten bedanken: Im April sollen alle Stammkunden, die bis dahin im Abo geblieben sind, einen „Treuebonus“ erhalten. Auch die äußerst erfolgreiche Aktion in den Sommerferien 2020, bei der alle VVS-Abonnenten den Nahverkehr in ganz Baden-Württemberg nutzen konnten, soll in diesem Jahr wiederholt werden. Das Land hat darüber hinaus angekündigt, aufgrund der aktuellen Schließung der Schulen im Frühjahr erneut eine Monatsrate für das Scool-Abo zu übernehmen. Und für die Fahrgäste, für die sich aufgrund von Homeoffice ein Abo nicht mehr rechnet, wird zum 1. April 2021 ein 10er-Tagesticket eingeführt. Mit dem neuen Angebot bietet der VVS einen Rabatt von über 20 Prozent gegenüber dem Kauf von einzelnen Tagestickets an.