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Landeshauptstadt Stuttgart

Internationales

Wie ein einzelner Mann ein Imperium bezwingen will

Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper hat den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu zu einem Besuch im Rathaus empfangen, bei dem sich der Gast in das Goldene Buch der Stadt eintrug.

Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper empfing den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu nach seiner „Stuttgarter Zukunftsrede“ im Stuttgarter Rathaus zum Eintrag ins Goldene Buch.
Liao Yiwu bei der „2. Stuttgarter Zukunftsrede“ im vollbesetzten Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses.
Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper empfing den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu (Mitte) nach seiner „Stuttgarter Zukunftsrede“. Mit dabei die Organisatoren der Zukunftsrede (von links) Dr. Elke Uhl, die Leiterin des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung (IZKT) der Uni Stuttgart, Hospitalhof-Leiterin Monika Renninger, sowie Übersetzer Dominik Wu und Pfarrer Eberhard Schwarz vom Hospitalhof.

Zuvor hatte Liao Yiwu am 18. Januar im mit fast 600 Zuhörerinnen und Zuhörern vollbesetzten Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses die „2. Stuttgarter Zukunftsrede“ gehalten.

Das Eis war beim Besuch im OB-Büro rasch gebrochen. Auf diesem Sessel habe schon der Bundeskanzler gesessen, sagte der OB, woraufhin der Schriftsteller erwiderte, der Herr Oberbürgermeister habe Humor. Liao Yiwu war 2011 aus China nach Berlin geflüchtet. Zuvor hatte er mehrere Jahre in chinesischen Gefängnissen gesessen.

In seinen literarischen Reportagen beschreibt er ein China, wie es die kommunistische Führung nicht wahrhaben will. Seine Schriften haben die politische Gewalt zum Gegenstand und nennen das Regime eine Diktatur. Im Gespräch mit Oberbürgermeister Nopper beschrieb Liao Yiwu das wachsende Selbstbewusstsein und die zunehmende Härte, mit der die kommunistische Elite das Land regiere. Eine „verbrecherische Allianz“ zwischen Putin und Xi Jinping sei entstanden. Der Regimekritiker befürchtet, dass im Falle eines Erfolgs Russlands im Ukraine-Krieg sich China Taiwans bemächtigen werde.

Dokumentarroman über den Ursprungsort der Corona-Pandemie

Die kommunistische Staatsführung habe den Ausbruch der Covid-Pandemie 2019 systematisch vertuscht, sagte Liao, das Virus habe sich weltweit verbreiten können, weil die Flughäfen Chinas nicht geschlossen wurden. Über den Ursprungsort der Pandemie hat Liao Yiwu 2022 den Dokumentarroman „Wuhan“ veröffentlicht. In seinem Heimatland kursieren Raubkopien seiner Bücher. Wer sie verbreitet, riskiert langjährige Gefängnisstrafen. Liao Yiwu glaubt fest daran, dass die Literatur dazu beitragen kann, eine unrechte Herrschaft zu stürzen.

Ob er persönlich angefeindet werde, fragte ihn der Oberbürgermeister. In Berlin fühle er sich sicher. Er könne sagen und schreiben, was er wolle. Als er in China inhaftiert war, habe sich die frühere Bundeskanzlerin für ihn eingesetzt. Heute treffe er Angela Merkel im Supermarkt.

Wenn ein Einzelner sich auf ein Hazardspiel mit einem Imperium einlässt, dann sind die Kräfte sehr ungleich verteilt, aber ich muss nicht unbedingt verlieren.

Liao Yiwu, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels

Für die „2. Stuttgarter Zukunftsrede“ hatte die Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses, Dr. Stefanie Stegmann, Liao Yiwu nach Stuttgart geholt. Beim Besuch im Rathaus waren Dr. Elke Uhl dabei, die Leiterin des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung (IZKT) der Uni Stuttgart, Hospitalhof-Leiterin Monika Renninger und Hospitalkirchen-Pfarrer Eberhard Schwarz. Die „Stuttgarter Zukunftsrede“ ist ein Projekt dieser drei Institutionen. Die Stadt Stuttgart und die Leibinger-Stiftung fördern die Initiative, die bundesweit auf Resonanz stößt.

Die Rede von Liao Yiwu war betitelt mit „Unsichtbare Kriegsführung. Wie ein Buch ein Imperium bezwingt“. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2012 erzählte darin, wie und warum er zum Literaten wurde: „Wenn ein Einzelner sich auf ein Hazardspiel mit einem Imperium einlässt, dann sind die Kräfte sehr ungleich verteilt, aber ich muss nicht unbedingt verlieren. Das Gedächtnis von Staaten hat etwas Abstraktes und Wetterwendisches. Nach den Erfordernissen der Staatsmacht werden fundamentalste historische Fakten, wenn nötig, ununterbrochen geändert, ausgetauscht und beseitigt … doch die Erinnerungen des Einzelnen an seine Demütigungen dringen tief in sein Blut, sie beeinflussen instinktiv, was er sagt und wie er sich verhält – eine solche Brandmarkung wischt man sein Leben lang nicht weg.“

Seine Rede schloss Liao Yiwu mit den Worten: „Dieses dem Zerfall geweihte Imperium wird keinen Erfolg haben. Wie sie auch heißen mögen, Putin oder Xi Jinping, sie werden keinen Erfolg haben. Wie Lenin, Hitler, Stalin, Mao Zedong und Deng Xiaoping keinen Erfolg hatten. Ja, in den Desastern, die das Diktatur-Virus ein ums andere Mal anrichtete, haben zahllose unschuldige Menschen ein schreckliches Ende gefunden, aber wir halten alles fest, die Berichte und Bilder der Verbrechen, und damit lassen wir die Toten nicht sterben. Die vielen namenlosen Toten, die so weit reichen wie Himmel und Erde, sie werden Zeugen sein für die Verbrechen und ewig leben.“

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  • Franziska Kraufmann/Stadt Stuttgart
  • Franziska Kraufmann/Stadt Stuttgart
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