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Landeshauptstadt Stuttgart

Act now

Globales kommunal diskutiert

Klimwandel, Integration, digitale Formen der Bürgerbeteilung – die Herausforderungen für Kommunen sind groß. 150 Expertinnen und Experten haben bei der internationalen Konferenz „Act Now“ in Stuttgart über Lösungen diskutiert.

Oberbürgermeister Frank Nopper begrüßt zu „Act Now“ in den Wagenhallen.
Die ukrainischen Bürgermeister Andriy Sandovyi (Lwiw, oben links) und Oleksandr Senkevych (Mykolaiv, rechts) waren bei der Eröffnugn der Konferenz zugeschaltet. Unten links: Iryna Ozymok, International Mayors Summit.
Bürgermeisterin Alexandra Sußmann (im hellblauen Kleid vorne) mit ihren internationalen Kolleginnen und Kollegen beim Empfang im Rathaus.

Es war ein bewegender Moment, als die beiden ukrainischen Bürgermeister Andriy Sandovyi aus Lwiw und Oleksandr Senkevych aus Mykolajiw per Video zur Eröffnung der Konferenz „Act Now“ zugeschaltet wurden. Mykolajiw steht seit dem 24. Februar fast täglich unter Beschuss, schilderte Bürgermeister Senkevych. Lwiw hat einen enormen Flüchtlingsstrom zu bewältigen. „Wir stehen ganz fest an der Seite der Menschen in und aus der Ukraine“, sagte Oberbürgermeister Frank Nopper: „Unsere Herzen tragen in diesen Tagen die ukraninischen nationalfarben blau-gelb.“

Nopper ist Schirmherr der Konferenz „Act Now“, zu der vom 8. bis 10. Mai 150 Teilnehmer nach Stuttgart gekommen waren. Unter ihnen vor allem Bürgermeister von Kommunen aus ganz Europa, dem Libanon und Jordanien sowie auch Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft. Veranstalter ist das Innovation in Politics Institute in Wien.

Ziel war es, sich über kommunale Herausforderungen in Wirtschaft, Klima, Demokratie, Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt auszutauschen, erläuterte Alexandra Sußmann, Bürgermeisterin für Soziales und gesellschaftliche Integration. „Gemeinsam können wir Städte viel bewegen“, sagte OB Nopper.

Exkursionen am dritten Tag der "Act Now"

Wie machen es die anderen? Der dritte Tag von „Act Now“ stand im Sinne des Lernens voneinander. Die Herausforderungen, vor denen Kommunen weltweit stehen, sind oft ähnliche. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten die Gelegenheit, an Exkursionen durch Stuttgart teilzunehmen und aus erster Hand Einblicke in lokale Herausforderungen und Best Practices zu bekommen.

Umberto Costantini aus Italien im Garten vor der John-Cranko-Schule.

Klimaanpassung im urbanen Raum

„Stuttgart hat Parallelen zu Spilamberto“, sagt Umberto Costantini. Der 34-Jährige ist Bürgermeister der norditalienischen Stadt, die aufgrund ihrer Kessellage unter Luftverschmutzung und Hitze leidet.

Costantini hat sich unter den vielen Exkursion daher für die zum Thema Klimaanpassung in Städten entschieden. Der Startpunkt am Eugensplatz machte gleich klar: Stuttgart ist umgeben von Grün, die Weinberge reichen bis in die Innenstadt. Der Spaziergang weiter zur John-Cranko-Schule zeigte, wie bei Neubauten auf den Erhalt von Grünflächen und Frischluftschneisen geachtet wird – denn versiegelter Boden heizt sich mehr auf als durchlässiger Untergrund. Deswegen ist auch das Dach als fünfte Fassade begrünt.

Bei der Landesbibliothek wurde deutlich, dass neben dem ökologischen Energiekonzept auch vorausschauend geplant wurde: die neue Tiefgarage kann zum Büchermagazin umgenutzt werden. „Kompliment!“, sagte Bürgermeister Costantini: „Bemerkenswert, wie grün Stuttgart ist.“

Sadiat Oladunni (links) und Koordinatorin Adelheid Schulz

Anlaufstelle für Geflüchtete

Wie kann Integration gelingen? In Stuttgart gibt es fünf Willkommensräume, die alle unterschiedliche Träger und Angebote haben, aber ein Ziel: das Zusammenleben zu fördern. Einer dieser Räume ist der Begegnungsraum Mitte in der Breitscheidstraße, zu dem sich am Dienstag sechs Teilnehmende der Konferenz „Act Now“ aufgemacht haben.

Zwischen dem Campus der Universität Stadtmitte und einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete gelegen, werden dort Veranstaltungen nicht nur für die 7600 Geflüchteten angeboten, die (Stand 9.5.) in Stuttgart leben. „Seit 2017 schaffen wir einen Ort des Austausches. Jeder Mensch in Stuttgart ist eingeladen herzukommen, sich zu vernetzen und an unseren Aktivitäten teilzunehmen“, erklärte Projektkoordinatorin Adelheid Schulz vom Trägerverein Begegnungsraum e.V.
Auch Sadiat Oladunni nutzte den Willkommensraum, um Anschluss in der Stadt zu finden. Die 46-Jährige kam vor fünf Jahren nach Stuttgart und engagiert sich mittlerweile selbst für Menschen, die neu in die Stadt kommen: Seit der Verein Begegnungsraum 2021 gegründet wurde, sitzt Oladunni selbst im Vorstand und gestaltet das Angebot mit.

Stimmen zur "Act Now": Was nehmen die Teilnehmenden mit?

Die Broschüre der Act Now Konferenz

Interview mit Katarzyna Gruszecka-Spychała

Katarzyna Gruszecka‐Spychała

Katarzyna Gruszecka-Spychała ist Bürgermeisterin der polnischen Küstenstadt Gdingen.

Frau Gruszecka-Spychała, was sind aktuell die größten Herausforderungen für Gdingen?

Mit dem Klimawandel fertig zu werden, besonders für eine Küstenstadt wie Gdingen, bleibt zweifelsohne eine der schwierigsten Herausforderungen. Aber der Krieg hat auch viele Herausforderungen mit sich gebracht. Zuallererst müssen wir Lösungen für die Flüchtlinge finden. Für mich ist die größte Schwierigkeit dabei, für sie langfristig Unterkünfte für mehr als ein paar Monate zu finden. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp und die Situation hat sich nun noch verschlimmert. Zusätzlich ist die wirtschaftliche Situation in ganz Europa definitiv schlechter geworden. In Polen war diese schon seit einiger Zeit recht schlecht und schon vor dem Krieg waren die Vorhersagen nicht gut. Angesichts dieser vielen hinzugekommenen Aufgaben müssen wir mit einem knapperen Budget, einer rasant steigenden Inflation und extrem hohen Preisen für Brennstoffe und Kohle nach dem Einfuhrverbot dieser wichtigen Rohstoffe aus Russland zurechtkommen.

Wie bewältigen Sie die große Zahl an Flüchtlingen?

Mindestens zehn Prozent der derzeitigen Einwohner sind Flüchtlinge. Am schwierigsten ist es, ihnen eine Wohnung zu verschaffen, obwohl dieses Problem bisher dank unserer Einwohner, die die Menschen einfach bei sich aufgenommen haben, weitgehend gelöst ist. Die meisten beherbergen Frauen mit Kindern. Daher besteht eine unserer Hauptaufgaben darin, Kinderbetreuung anzubieten, damit die Frauen die Möglichkeit haben, arbeiten zu gehen.  Zudem bieten wir Intensivsprachkurse für Polnisch an. Jetzt geht es um Integration.

Wie wichtig sind Netzwerke wie „Act Now“ für Ihre Arbeit?

Jede Plattform, die zum Austausch von Erfahrungen und Inspiration genutzt wird, ist äußerst wertvoll. Es ist gut, verschiedene Bereiche zu verbinden. Während die Wirtschaft in der Politik inzwischen häufig ein Thema ist, sind meiner Meinung nach Aktivisten und NGOs noch zu selten in den Netzwerken von Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen präsent. Vielleicht kann die "Act Now" diese Lücke schließen. 

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Calvin Leander
  • Lichtgut/Rettig
  • Ferdinando Iannone/Stadt Stuttgart
  • Leif Piechowski/Stadt Stuttgart
  • Franziska Kraufmann
  • Stadt Stuttgart
  • Innovation in Politics Institute