Inhalt anspringen

Landeshauptstadt Stuttgart

Ernährung

Welche Bedeutung hat unsere Ernährung für die Klimakrise?

Kohlekraftwerke, Bohrinseln und Beton – das sind geeignete Assoziationen zur Klimakrise. Dabei fällt jedoch ein wichtiger Bereich aus dem Blickfeld, in dem jeder von uns sofort handeln kann. Denn die Ernährung ist für rund ein Drittel der weltweiten Emissionen verantwortlich.

Die Ernährung ist für rund ein Drittel der weltweiten Emissionen verantwortlich

Die Ernährung trägt erheblich zum Klimawandel bei

Die Ernährung ist nicht nur im historischen Kontext relevant für die Klimakrise. Auch aktuelle Trends erregen große Besorgnis der Wissenschaft. Stellen wir uns einmal vor, die Nutzung fossiler Energiequellen würde sofort beendet: Knips, ausgeschaltet. Trotzdem würden die aktuellen Trends im Agrar- und Ernährungssystem eine Erreichung des 1,5° Celsius-Ziels verhindern. Viel schlimmer: Sie würden sogar das 2° Celsius-Ziel in Gefahr bringen. Das zeigen Clark, Domingo et al. 2020 anhand von internationalen Daten.

Über 30 Prozent der weltweiten Treibhausgase gehen auf die geänderte Landnutzung zurück, die wir für die Land- und Viehwirtschaft bisher in Kauf nehmen. Das zeigen die Daten aus dem Global Carbon Project (GCP/CDIAC/NOAA-ESRL/UNFCCC). Betrachtet wurde der Eintrag von Treibhausgasen in die Atmosphäre über den Zeitraum von 1850 bis 2019. Die Änderung der Landnutzung macht mit 31 Prozent einen ähnlich großen Anteil an den weltweiten Emissionen aus wie Kohle (32 Prozent) oder Öl und Gas (35 Prozent).

Übrigens gehen nur rund ein Prozent der Änderung der Landnutzung auf Siedlungen und Infrastrukturen zurück. Rund 99 Prozent unseres Flächenverbrauchs ergeben sich aus der Land- und Viehwirtschaft.

Entscheidender Treiber hohen Emissionen: eine übermäßige Flächennutzung

Begeben wir uns auf die Suche, woher die hohen Emissionen des Agrar- und Ernährungssystems kommen: Welche Gase und Aktivitäten haben den größten Einfluss?

Kohlendioxid verursacht über die Hälfte der Emissionen. Methan trägt mit 35 Prozent zu den Emissionen des Agrar- und Ernährungssystems bei. Lachgase, zum Beispiel aus stickstoffhaltigen Düngemitteln, machen noch 10 Prozent Anteil aus und Fluor-Gase rund zwei Prozent.

Außerdem zeigten Crippa, Solazzo et al. 2021 mit internationalen Daten, welche Aktivitäten für die Emissionen verantwortlich sind: 66 Prozent der Emissionen ergeben sich aus landbasierten Aktivitäten. Landbasierte Aktivitäten sind vor allem die Landnutzung und Landnutzungsänderungen, aber auch die auf den Flächen stattfindende enterische Fermentation, also die Verdauungsprozesse von Wiederkäuern wie Rindern, oder die Landwirtschaft an sich.

Im Vergleich zu 66 Prozent Emissionen aus landbasierten Aktivitäten wirken die weiteren Anteile überschaubar. Der Energieverbrauch des Agrar- und Ernährungssystems macht noch 21 Prozent aus, die Nahrungsmittelindustrie 4 Prozent und das Abfallaufkommen 9 Prozent. Interessant ist, dass der Anteil des Transports von Lebensmitteln international lediglich 5 Prozent zu den Treibhausgasemissionen des Agrar- und Ernährungssystems beiträgt – gleichauf mit den Emissionen der Verpackung. Auch Düngemittel sind mit etwa 3 Prozent Anteil kein vorrangiger Treiber.

Achten Sie auf „regional, unverpackt und Bio-Siegel“, adressieren Sie also lediglich 13 Prozent der Emissionsquellen. Sollten wir unsere Aufmerksamkeit also auch auf andere Faktoren erweitern? Gehen Sie Ihren nächsten Einkauf doch einmal so an: Transportwege, Verpackung und Düngemittel sind wichtig, aber der entscheidende Emissionstreiber ist die Flächennutzung. Wie viel Fläche verbraucht Ihr Essen? Zum Glück gibt es einfache Wege, die problematische Flächennutzung unserer Ernährung zu reduzieren.

Rindfleisch‐ und Milchprodukte reduzieren

Klimafreundliche Ernährung kommt mit wenig Fläche aus. Gegenüber einem Basisszenario zeigten Searchinger, Wirsenius et al. 2018, welche Ernährungsweisen für hohe Einsparungen an Klimagasen sorgen. Wer seinen Fleischkonsum halbiert, sich möglicherweise sogar vegetarisch oder gar vegan ernährt, kann die Klimawirkung auf bis zu ein Viertel reduzieren.

Was jedoch vielen Menschen vermutlich nicht bewusst ist: Wie viel sparen Sie, wenn Sie „lediglich“ auf Rindfleisch- und Milchprodukte verzichten und zu Geflügel- und Schweinefleisch wechseln? Der Effekt ist beeindruckend, denn so können Sie die Klimawirkung Ihrer Ernährung um über 70 Prozent drücken. Sie stünden mit verbleibenden Emissionen von unter 30 Prozent sogar besser da als mit vegetarischer Ernährung (ovo-lacto). Und das, ohne dass Sie sich von Grillfleisch, Wiener Schnitzel oder Chicken-Nuggets verabschieden müssten. Mehrkosten dürften auch zu vernachlässigen sein. Wäre das eine Überlegung wert?

Zum Hintergrund: Aktuelle Studien betrachten neben den direkten Produktionsemissionen, die für die Herstellung von Lebensmitteln ausgestoßen werden, einen weiteren Beitrag: die sogenannte Kohlendioxid-Opportunität. Diese Carbon Opportunity Costs entstehen, wenn klimafreundliche Aktivitäten – Wald oder Moore sind hier bekannte Beispiele – nicht möglich sind, weil die Fläche für die Vieh- und Weidewirtschaft verwendet wird. Diese neue Methodik berücksichtigt also den Effekt, dass wir immer weniger Flächen für die Bindung von CO2 zur Verfügung haben – sofern wir weiterhin derart flächenintensive Vieh- und Weidewirtschaft betreiben.

Kurz gefasst:

  • Klimafreundliche Ernährung kommt mit wenig Rindfleisch aus. Ein Beispiel: Hackfleischbällchen verursachen 18-mal so viele Emissionen wie die pflanzliche Alternative aus Erbsenproteinen (Saget, Costa et al. 2021). Eine mehrköpfige Familie verursacht also mit einer überaus reichhaltigen Portion frittierter veganer Bällchen weniger Treibhausgasemissionen, als eine andere Person, die von ein oder zwei Hackfleischbällchen vermutlich nicht einmal satt wird.
  • Klimafreundliche Ernährung kommt zudem mit wenig Milchprodukten aus. Die Albert-Schweitzer-Stiftung hat die Ökobilanz von Pflanzenmilch untersucht: Die direkten Produktionsemissionen von Kuhmilch sind mehr als 3-mal so hoch wie bei Hafermilch. Der Flächenverbrauch von Kuhmilch ist sogar fast 5-mal so hoch wie der für Hafermilch.

Unser hoher Fleischkonsum ist nicht nur klimaschädlich, sondern auch ungesund. Auffallend ist dabei, dass Männer etwa doppelt so viel Fleisch essen wie Frauen. 2020 lag der Fleischkonsum in Deutschland um den Faktor 3 bis 4 über der Empfehlung der EAT-Lancet-Kommission. Das bedeutet: Einen gesunden Speiseplan erreichen wir, wenn wir den Fleischkonsum auf ein Viertel reduzieren. Derzeit beträgt der Fleischkonsum in Deutschland 57 Kilogramm pro Kopf, immerhin mit zuletzt leicht fallender Tendenz. Gesunde, klimafreundliche Ernährung bedeutet, auch insgesamt weniger Fleisch zu essen.

Wenn wir uns schon mit der Klimawirkung von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichem Anbau beschäftigen: Was sind weitere wichtige Hintergründe, um die Klimawirkungen und Gegenmaßnahmen gut einschätzen zu können?

Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, wäre es der drittgrößte Emitter

Die Eindämmung der Lebensmittelverschwendung ist eine wesentliche Aufgabe unserer Gesellschaft. Das Umweltprogramm UNEP der Vereinten Nationen und die Non Profit-Organisation WRI, das World Resources Institute, haben auf Basis der Jahre 2011 bzw. 2012 die Treibhausgasemissionen gegenübergestellt.

Nach China und den USA läge die Lebensmittelverschwendung (food loss and food waste) mit deutlich über 4 Gigatonnen Kohlendioxidemissionen auf Platz drei des Rankings – deutlich vor den nationalen Emissionen von Indien (2,9 Gt) und Russland (2,3 Gt). Die Zahlen berücksichtigen Landnutzung, die Änderung der Landnutzung und die Forstwirtschaft ebenso wie alle sechs anthropogenen Treibhausgasemissionen auf Basis der 2015 vorliegenden Daten (CAIT bzw. FAO, 2015).

Flächenverbrauch für Energiepflanzen ist als für Solaranlagen

Um aufzuforsten, Moore wieder zu bewässern oder andere Kohlendioxidspeicher wie den Humusaufbau zu ermöglichen, müssen wir flächenintensiven Anbau reduzieren. Das betrifft im internationalen Kontext vor allem die Vieh- und Weidewirtschaft. Regional betrachtet, ist zudem der Blick auf die Energie interessant.

Aktuell spielt Biosprit aus Energiepflanzen eine gewisse Rolle in der Mobilität, wird er doch mit rund 10 Prozent dem Super-Benzin E10 beigemischt. Je mehr Elektroautos auf unseren Straßen rollen, umso weniger Autos brauchen solche Biokraftstoffe. Die Flächenkonkurrenz mit Energiepflanzen wird sich also vermutlich entspannen. Zeitgleich benötigen wir zusätzliche Flächen für Fotovoltaik-Anlagen, zum Beispiel Freiflächenanlagen.

Und so stehen diese Flächen im Verhältnis zueinander: 30 Hektar Anbaufläche für Biokraftstoff (Biomethan) bringen ein Auto genauso weit wie eine Fotovoltaik-Freiflächenanlage von 1 ha. Diese Daten (Searchinger, Wirsenius et al. 2018; FNR) zeigen, dass der Flächenverbrauch von Solarstrom für den Einsatz im Elektroauto viel geringer ist. Gegenüber dem Einsatz von Biokraftstoffen in Verbrennungsmotoren kann der Flächenverbrauch um den Faktor 30 reduziert werden. Noch dazu können Fotovoltaik-Freiflächenanlagen in Bereichen installiert werden, die für die landwirtschaftliche Nutzung nicht geeignet sind.

Die Kernbotschaften in der Übersicht

In diesem Artikel haben Sie viel über unsere tägliche Ernährung und die Emissionen des Agrar- und Ernährungssystems erfahren. Vielleicht sind ein paar Empfehlungen und Informationen dabei, die Sie in Ihrem täglichen Leben berücksichtigen können:

  • Die Ernährung trägt mit über 30 Prozent der weltweiten Emissionen erheblich zum Klimawandel bei.
  • Der mit riesigem Abstand entscheidende Emissionstreiber ist die übermäßige Flächennutzung.
  • Wenn Sie Rindfleisch- und Milchprodukte zugunsten von Geflügel, Schwein und pflanzlichen Proteinen reduzieren, können Sie die Klimawirkung um über 70 Prozent verringern.
  • Sie bevorzugen eine längere Lebenserwartung? Wenn Sie den Fleischkonsum auf ein Viertel reduzieren, erreichen Sie einen gesunden Speiseplan.
  • Die Eindämmung der Lebensmittelverschwendung ist eine wesentliche Aufgabe unserer Gesellschaft: Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, wäre es der drittgrößte Emitter.
  • Die Flächenkonkurrenz mit Energiepflanzen dürfte sich mit dem Ausbau von Fotovoltaik und Elektromobilität entspannen.

Das könnte Sie auch interessieren

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Getty Images, petrograd99
  • GettyImages/Prostock Studio.
  • Stadt Stuttgart