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Landeshauptstadt Stuttgart

OB Nopper

Interview mit OB Dr. Frank Nopper: Mit Freude und Begeisterung

Frank Nopper hat als neuer Stuttgarter Oberbürgermeister seine Arbeit aufgenommen. Der Gemeinderat wählte ihn am 4. Februar zum Amtsverweser. Im Interview erläutert Oberbürgermeister Frank Nopper seine Agenda für Stuttgart. Mit Oberbürgermeister Frank Nopper sprachen Sven Matis und Karl Semle.

"Der OB muss die unterschiedlichen Positionen in einem lebendigen Gemeinderat beim Ringen um die beste Lösung für die Stadt zusammenführen“, sagt OB Frank Nopper.

Der Wahlsieg war für Sie „keine Stunde des Übermuts und des Überschwangs“, sondern der Demut und des Respekts vor der großen Aufgabe. Wie blicken Sie heute auf den Beginn Ihrer Amtszeit?

Ich blicke weiterhin mit Demut und Respekt auf diese große Aufgabe, stehe aber auch mit Freude und Begeisterung vor ihr. Lassen Sie uns gemeinsam mit Mut, Liebe und Beharrlichkeit Stuttgart zum leuchtenden Stern des deutschen Südens machen.

Sie sprachen auch von einer „Stunde des Aufbruchs in ein Stuttgart, das nicht länger ­unter seinen Möglichkeiten bleibt. Stuttgart soll wieder mehr leuchten.“ Welche Perspektiven sehen Sie kurzfristig mit Blick auf den Lockdown und mittelfristig für die Zeit nach Corona?

Die Corona-Pandemie bedroht und bedrückt uns alle. Sie macht uns allen zu schaffen. Sie ist eine in ihrer Art, Dimension und Ausprägung einzig­artige Herausforderung – einzigartig jedenfalls seit Kriegsende. Vernunft, Gemeinsinn und Solidarität sind das Gebot der Stunde. Und so bald wie möglich müssen wir eine große ­Corona-Runde mit allen ­Akteuren der Stadtgesellschaft und der Wirtschaft einberufen, um zu besprechen, wie wir die Innenstadt und die Stadtbezirke, Einzelhandel, Gastronomie, Kunst, Kultur, Sport und das Nacht- und Tagleben wieder beleben können.

Wer sich Ihr Profil auf Facebook anschaut, sieht Sie nicht nur am Schreibtisch, sondern auch beim Winterspaziergang, im Dress ­eines Schornsteinfegers oder im Trainingsanzug des VfB. Wie nahbar sollte ein Oberbürgermeister sein?

Sehr nahbar! Oberbürgermeister und Verwaltung müssen wieder näher an die Bürger ­rücken, und wir brauchen vitale und eigenständige Stadtbezirke. Deswegen werde ich – sobald es Corona wieder zulässt – bis zum Sommer alle 23 Stadtbezirke besuchen und dort auch regelmäßig und immer wieder Bürgersprechstunden durchführen.

Wie ist Ihr erster Arbeitstag am 5. Februar abgelaufen?

Ich habe die engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennengelernt, habe eine erste Bürgermeisterrunde durchgeführt, habe eine Vielzahl von Interviews gegeben. Nicht zuletzt habe ich mit dem Ersten Bürgermeister einen Rundgang durch das Rathaus gemacht bis in die Spitze des Rathausturms, in der ich die Glocke von 1459, die wundervolle Aussicht auf unsere Stadt und unser Glockenspiel bewundert und bestaunt habe.

Was ist am Stuttgarter OB-Sessel für Sie erstrebenswert?

Es ist faszinierend, diese wunderbare Stadt, die meine Geburts- und Heimatstadt ist, an maßgeblicher Stelle mitgestalten zu dürfen.

Auf welche Ihrer Aufgaben ­freuen Sie sich am meisten?

Nicht nur, aber gerade auch auf die Eröffnung des Cannstatter Volksfestes.

Im Wahlkampf war die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts eines Ihrer zentralen Themen. Was können Sie als OB bei diesem weit über die Stadt hinausgreifenden Thema tun?

Ludwig Erhard, der unvergessene Vater des deutschen Wirtschaftswunders, hat immer wieder gesagt: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie.“ Anders formuliert: Die psychologische Rückendeckung ist schon die halbe Miete! Deswegen braucht unsere Wirtschaft von uns allen den Rückenwind eines Heimspiels und nicht den Gegenwind eines Auswärtsspiels. Wir müssen wieder stärker mit der Wirtschaft und nicht nur über sie sprechen – etwa auch im Rahmen eines Jobgipfels, damit bestehende Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden.

"Wir müssen wieder stärker mit der Wirtschaft und nicht nur über sie sprechen“, sagt der neue OB.

Sie haben betont, dass der Wohlstand der Stadt von der Automobilindustrie abhängt und werben für eine „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“. Was verstehen Sie darunter und wie wollen Sie das erreichen?

Wir brauchen eine Gesamtverantwortung für eine florierende Wirtschaft mit sicheren Arbeitsplätzen und für eine intakte Umwelt. Wir brauchen ­eine blühende Wirtschaft und eine gesunde Umwelt. Die Leistungsfähigkeit der Stadt für Bildung, für sozialen Ausgleich, für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz hängt an der Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft. Unsere Automobilwirtschaft hat die Zeichen der Zeit erkannt. Sie weiß, dass sie in ­Verantwortung für den Umwelt- und Klimaschutz umsteuern muss. 

Und bezogen auf Stuttgart?

Mit dieser Innovationsbereitschaft steht sie auch in der Tradition unserer großen Pioniere der Automobilität. Wir Kommunalpolitiker sollten diesen Innovations- und Transformationsprozess technologieoffen, konstruktiv und mit Überzeugung flankieren, weil er zu ressourcenschonenden, emissionsarmen und umweltverträglichen Automobilen führt. Stuttgart muss die Geburtsstadt der ersten, der besten, der innovativsten und der umweltfreundlichsten Automobile bleiben.

Eines der großen Themen in Stuttgart ist die Schaffung von genügend bezahlbarem Wohnraum. Die größte frei werdende Fläche von Stuttgart 21 wird wohl erst gegen Ende ihrer Amtszeit bebaut werden können. Wie wollen Sie vorher Ihr Ziel von 2000 neuen Wohnungen pro Jahr erreichen?

Das Rosenstein-Quartier im neuen Herzen der Stadt kann zugegebenermaßen erst in ­einigen Jahren aufgesiedelt werden. Aber es gibt überdies einige neue Wohnquartiere, die da sind: die Neckar-City, der Neckarpark, das Stöckach-Areal oder der Eiermann-Campus. Stuttgart braucht dringend mehr Wohnungen – gerade auch preiswerte Wohnungen.

Welche Akteure sprechen Sie dabei an?

Der Wohnungsbau muss auf den verschiedenen Wegen und in den verschiedensten Bereichen der Stadt intensiviert werden – mithilfe eines breiten Bündnisses für Wohnen, mithilfe der SWSG, mithilfe der Baugenossenschaften und mithilfe von Privaten, ohne ­deren Hilfe wir es nicht schaffen werden. Wir müssen uns dabei vor allem der Nachverdichtung und den neuen Wohnquartieren zuwenden. Das Bauen im Außenbereich darf dabei nur die Ultima Ratio sein und nur nach intensiver Einbeziehung der Bürgerschaft erfolgen.

Mobilität ist wichtig für das ­Leben in einer Großstadt. Sie sagten: „Wir brauchen einen Mobilitätsfrieden.“ Was meinen Sie damit?

Wir brauchen Mobilität für alle. Wir brauchen eine Vernetzung, Verbindung und Versöhnung der verschiedenen Mobilitätsformen. Wir brauchen ein ganzheitliches Verkehrskonzept, das alle Verkehrsmittel mit einbezieht – den ÖPNV, das Fahrrad, den Fußgänger und das Automobil, insbesondere das umweltfreundliche und transformierte Automobil der Zukunft. Stuttgart muss Mobilitätshauptstadt werden und zugleich Automobilhauptstadt bleiben. 

Einer Ihrer Slogans war: „Wir wollen die Digital City Deutschlands“ sein. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Bei allen technischen Inno­vationen müssen wir in der Stadt der Erfinder und Tüftler, in der Stadt von Robert Bosch, von Gottlieb Daimler, von Ferdinand Porsche immer an der Spitze der Bewegung stehen. Hierzu gehört nicht nur die Transformation zu ressourcenschonenden und emissions­armen Automobilen. Hierzu gehört auch die Ausschöpfung aller energetischen Möglichkeiten zur Reduktion des CO2-Ausstoßes. Hierzu gehören auch viel mehr E-Ladepunkte im ­öffentlichen Raum. Hierzu gehört die zügige Umsetzung von digitalen Zugsteuerungssystemen, die zur Taktverdichtung und zu mehr Pünktlichkeit führen. Hierzu gehören auch die dynamische und ­entschlossene Digitalisierung der Stadtverwaltung mitsamt ihrem Bürgerservice sowie der Schulen, die zügige Transformation Stuttgarts zur Gigabit­stadt, die Unterstützung von Unternehmen bei der Digita­lisierung ­sowie nicht zuletzt auch die Förderung von jungen Unternehmen in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Digital Media und IT.

Leidenschaft zu entfachen sei einfach, sagt Frank Nopper im Interview: „Stuttgart ist die ideale Mischung von Moderne und Tradition, von Spätzle und Spitzentechnologie.“

Welche Rolle spielen für Sie die Stadtbezirke? Sie plädieren dafür, dass bei Fragen mit reinem Stadtbezirksbezug die Bezirksbeiräte das letzte Wort haben sollten. Kann man die Abgrenzung so klar definieren und sind nicht Egoismen zu befürchten, die nicht das Ganze im Blick haben?

Wir brauchen ein neues gesamtstädtisches Gemeinschaftsgefühl, aber wir brauchen auch vitale und eigenständige Stadtbezirke. Vor Ort weiß man am besten, was es braucht. Die Stadtbezirke verdienen es, gestärkt zu werden. Bei Fragen mit reinem Stadtbezirksbezug sollten die Bezirksbeiräte das letzte Wort ­haben. Wir müssen uns dabei mit den Stadtbezirken verständigen, wann ein reiner Stadtbezirksbezug vorliegt und wann nicht.

In Stuttgart erwartet Sie ein Gemeinderat, von dem man annehmen kann, dass er nicht mehrheitlich hinter Ihrem Wahlprogramm steht. Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit dem Hauptorgan der Gemeinde?

Der OB muss die unterschied­lichen Positionen in einem lebendigen Gemeinderat beim Ringen um die beste Lösung für die Stadt zusammenführen – wenn möglich in einer ­alle Fraktionen übergreifenden großen Koalition der Vernunft, die auch das finanziell Machbare im Auge behält. Ich habe mich bisher nie als Oberbürgermeister einer einzelnen Partei oder Fraktion verstanden und will dies auch zukünftig so handhaben.

Konnten Sie die etwas mehr als zwei Monate seit Ihrer Wahl nutzen, um das Rathaus und die Verwaltung kennenzulernen?

Ja, ich konnte das eine oder andere Gespräch im Stuttgarter Rathaus bereits führen. Im Wesentlichen war ich allerdings Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Backnang und habe die Dienstgeschäfte dort bis zum letzten Tag wahrgenommen.

Ihr Vorgänger Fritz Kuhn versprach Ihnen einen perfekten Übergang. Wie waren die vergangenen Wochen?

Fritz Kuhn hat Wort gehalten und mir wertvolle Hinweise für den Übergang gegeben.

Ganz Stuttgart mit allen 23 Stadtbezirken auf ein Foto zu bekommen und dabei noch Details zu erkennen, ist schwierig. OB Nopper will genau das: ein gesamtstädtisches Gemeinschaftsgefühl und eigenständige Stadtbezirke, die er alle so schnell wie möglich besuchen will.

Kuhn gab Ihnen mit auf den Weg, Sie mögen „die Tradition der Integration und der weltoffenen Stadt unabhängig vom Parteibuch“ fortführen. Halten Sie sich daran?

Stuttgart war und ist spätestens seit den Tagen von Manfred Rommel eine von Libera­lität, Toleranz und wechselseitigem Respekt geprägte Stadt. Ich habe in meiner Antrittsrede bereits erklärt, Oberbürgermeister aller Stuttgarterinnen und Stuttgarter zu sein – gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts, gleich welcher Hautfarbe, gleich welcher Überzeugung und Orientierung.

Was ist von Ihrer Frau Gudrun Nopper zu erwarten? Wird sie eine „First Lady“?

Meine Frau hat sich schon in Backnang sehr stark ehrenamtlich eingebracht – insbesondere für den dortigen von ihr gegründeten und geleiteten Verein für Kinder und die Kinderuni. Sie wird sich auch in Stuttgart sehr stark engagieren. Einige ehrenamtliche Aktivitäten sind bereits in Vorbereitung.

Die Stadt hat in der Kernverwaltung und den Eigenbetrieben rund 15 000 Mitarbeitende, dazu kommt das Klinikum Stuttgart. Was glauben Sie, erwartet die Verwaltung von Ihnen?

Der wichtigste Schatz einer Stadtverwaltung sowie aller städtischen Betriebe und Gesellschaften sind die vielen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne die ein städtisches Gemeinwesen nicht funktioniert. Damit dieser Schatz auch wirklich gehoben werden kann, braucht es ein Klima wechselseitiger Wertschätzung und Anerkennung – verbunden mit dem großen Ziel, gemeinsam der Stadt Bestes zu suchen und zu finden. Schließlich sind wir nicht für uns selbst da, sondern den Stuttgarterinnen und Stuttgartern verpflichtet. Unser täglicher Auftrag ist eine bürgerfreundliche und funktionierende Verwaltung. Ich habe bisher zu Mitarbeiterschaft und Personalrat stets eine Kultur der offenen Kommunikation, der konstruktiven Kritik und der partnerschaft­lichen Zusammenarbeit gepflegt und will dies mit großer Überzeugung auch in Zukunft fortsetzen.

Sie haben viel vor. Müssen Sie wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie nun mit „gebremstem Schaum“ starten?

Nein, ich starte wegen der Corona-Pandemie nicht mit angezogener Handbremse. Ich werde mich gerade auch in der Corona-Zeit mit meiner ganzen Kraft für diese großartige Stadt einsetzen. Ich freue mich auf die Nach-Pandemie-Zeit, ich sehne sie herbei.

Sie haben angekündigt, einen neuen „Stuttgart-Spirit“ schaffen zu wollen. Wie soll der aussehen?

Aus meiner Sicht ist es einfach, mehr Leidenschaft für unsere Stadt zu entwickeln: Stuttgart ist die ideale Mischung von Moderne und Tradition, von Spätzle und Spitzentechnologie. Stuttgart ist die Geburtsstadt der ersten, der besten, der innovativsten und der ­umweltfreundlichsten Automobile. Stuttgart ist die Stadt mit schaffigen und lebens­frohen Menschen zwischen Umsatz und Grundsatz. Stuttgart ist die Kultur-, Ballett-, und Opernhauptstadt Europas. Stuttgart ist die Stadt in wunderbarer Lage umsäumt von Wald und Reben. Stuttgart ist die Stadt wegweisender Baukultur und hoffentlich auch immer die Stadt mit einem VfB, der in Deutschland und in Europa ganz nach vorne stürmt.