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Landeshauptstadt Stuttgart

Mobilität

Stadt und Polizei berichten über Unfälle mit Radbeteiligung

Unfälle von 2017 bis 2019 sowie der ersten drei Quartale des Jahres 2020 analysiert

Die Polizei registrierte in den vergangenen Jahren steigende Unfallzahlen, an denen Radfahrende beteiligt waren. OB Fritz Kuhn beauftragte deshalb die Verwaltung, die Unfälle zu analysieren. Das Ergebnis ist der Sonderbericht Radverkehrsunfälle, den Verwaltung und Polizei am Montag, 19. Oktober, präsentiert haben.

Die Zahl der Radfahrer im Stuttgarter Stadtgebiet steigt. Zugleich kommt es auch zu mehr Unfällen mit Fahrrädern.

Der Radverkehr in Stuttgart wächst: Für immer mehr Menschen ist das Fahrrad das Mittel der Wahl. Zugleich registrierte die Polizei in den vergangenen Jahren steigende Unfallzahlen, an denen Radfahrende beteiligt waren. Oberbürgermeister Fritz Kuhn hatte daher die Verwaltung beauftragt, die Unfälle mit Radverkehrsbeteiligung hinsichtlich Örtlichkeit, Ursachen und Maßnahmen zu analysieren. Die Ergebnisse und daraus resultierenden Erkenntnisse dieser Analyse sind in einem Sonderbericht Radverkehrsunfälle zusammengeführt.

OB Kuhn sagte: „Wir wollen, dass alle gut und sicher in Stuttgart unterwegs sind. Dazu brauchen alle Verkehrsarten eine geeignete Infrastruktur.“ Kuhn unterstrich: „Jeder Unfall ist einer zu viel. Die Behörden tun alles Machbare, Unfällen vorzubeugen, sie aufzuarbeiten und – wo nötig – Konsequenzen zu ziehen. Es ist verständlich, dass Unfallbeteiligte emotional über das Erlebte diskutieren und auch Radfahrer sich intensiv für ihre Interessen einsetzen. Unsere Analyse ermöglicht es, sich ein Gesamtbild über die Sicherheit auf Stuttgarts Straßen im Kontext der steigenden Radverkehrszahlen zu machen. Wir wollen auch zeigen: Es ist wichtig, das eigene Verhalten im Verkehr zu hinterfragen, egal ob wir hinter dem Lenkrad oder auf dem Sattel sitzen oder zu Fuß unterwegs sind.“

Nach dem Auftrag des Oberbürgermeisters haben die Verkehrsbehörde und Polizei alle Unfälle mit Radverkehrsbeteiligung der Jahre 2017 bis 2019 und im 1. Halbjahr 2020 analysiert. Für die Jahre 2019 und das 1. Halbjahr 2020 wurden Örtlichkeit, Hergang und Ursachen vertieft überprüft.

Seit dem Jahr 2017 ist die Zahl der gemeldeten Unfälle mit Radverkehrsbeteiligung von 503 auf 621 im Jahr 2018 und 568 im Jahr 2019 gestiegen. Im 1. Halbjahr 2020 wurden bei steigendem Radverkehrsaufkommen 310 Unfälle registriert. Das Kfz‐Aufkommen war infolge der Corona‐Pandemie zeitweise stark reduziert.

Unter Berücksichtigung aller Beteiligten waren im Jahr 2019 bei Radunfällen keine Toten, 87 Schwerverletzte und 425 Leichtverletzte zu verzeichnen. Im 1. Halbjahr 2020 waren bedauerlicherweise ein Toter, 47 Schwerverletzte und 238 Leichtverletzte als Unfallfolgen zu beklagen.

Im 3. Quartal 2020 wurden 228 weitere Unfälle mit Radverkehrsbeteiligung registriert, sodass die Summe im Jahr 2020 auf 538 Radverkehrsunfälle ansteigt. Mit zwei getöteten Radfahrenden in einem Jahr ist ein trauriger Rekord zu verzeichnen. Ein Unfall ist auf die Beteiligung Rad/Rad zurückzuführen, ein Unfall auf die Beteiligung Rad/Kfz.

Zahl der Radfahrer im Stadtgebiet steigt: Zunahme vor allem bei Pedelecs

Die Unfallentwicklung mit Radfahrenden ist im Kontext steigender Radverkehrsmengen und in Abhängigkeit temporärer Einflüsse, wie z.B. von Schönwetterperioden zu bewerten. Weiterhin ist die starke Verbreitung von Pedelecs sichtbar. Gemäß den jährlichen Unfallberichten des Polizeipräsidiums Stuttgart wurden 2017 59 Unfälle mit Pedelecfahrern verzeichnet, in den Jahren 2018 98 und 2019 123. Im 1. Halbjahr 2020 wurden 82 Unfälle registriert.

Von den 310 Unfällen mit Radverkehrsbeteiligung im 1. Halbjahr 2020 fanden 61 Prozent mit Kfz statt, sechs Prozent zwischen Radfahrenden, acht Prozent zwischen Fußgängern und Radfahrern und 25 Prozent waren sogenannte Alleinunfälle von Radfahrern.

Dr. Martin Schairer, Bürgermeister für Sicherheit, Ordnung und Sport, erläuterte: „Unser Fazit ist: Die Unfälle mit Radfahrenden finden an sehr unterschiedlichen Stellen und unter vielfältigen Umständen statt. Nur an wenigen Stellen häufen sich Unfälle mit Radfahrenden. Die häufigste Ursache ist und bleibt hier das Ein‐ bzw. Abbiegen sowie das Kreuzen.“

Die Stadt hat Knotenpunkte und Streckenabschnitte aufgeführt, die hinsichtlich Radverkehrsunfällen in den Jahren 2019 und 2020 unter besonderer Beobachtung stehen.

Auch im 1. Halbjahr 2020 dominieren – trotz der Auswirkungen der Corona‐Pandemie auf das Verkehrsgeschehen – Unfälle zwischen Kfz und Radfahrenden das Unfallgeschehen im Radverkehr.

Die häufigste Ursache an Knotenpunkten ist das Einbiegen/Kreuzen bzw. Abbiegen. Alle identifizierten Knotenpunkte sind bereits – unabhängig von den Verkehrsbeteiligungen – als Unfallhäufungsstellen klassifiziert und wurden bzw. werden durch die Unfallkommission bearbeitet.

Die ausgewählten Streckenabschnitte zeichnen sich dadurch aus, dass die Radverkehrsunfälle in einem räumlichen Zusammenhang stehen oder charakteristische Unfallursachen erkennbar sind. Ein akuter Maßnahmenbedarf ist nicht ableitbar, allerdings sind an einigen Streckenabschnitten Maßnahmen bereits umgesetzt oder in Planung. Einige Streckenabschnitte unterliegen einem Monitoring, indem fortlaufend geprüft wird, ob sich eine Gefährdungssituation konkretisiert oder ob neue Methoden oder Maßnahmen erprobt bzw. präventiv genutzt werden können.

Rücksichtnahme von allen Verkehrsteilnehmern gefordert

Stadt und Polizei planen eine verstärkte Präventionsarbeit, um alle Verkehrsteilnehmenden zu mehr Rücksicht aufzufordern und für die Einhaltung der Regeln zu werben. Im Sinne der Prävention wird auch vermehrt auf die Verdeutlichung von Gefahrenstellen oder die Freihaltung von Sichtbeziehungen wert gelegt. Zugleich sind weitere bauliche Maßnahmen in Planung, die dem steigenden Anteil des Radverkehrs gerecht werden sollen. So soll die Radverkehrsinfrastruktur gemäß dem Beschluss des Gemeinderats im Sinne der echten Fahrradstadt ausgebaut werden. Über 240 Radverkehrsprojekte sind alleine bei den speziellen Radteams der Fachämter in der Planung oder Umsetzung. Über die Projektliste wird im Unterausschuss Mobilität am 20. Oktober berichtet werden. Dieser Unterausschuss widmet sich ausschließlich dem Radverkehr und findet mit sachkundigen Einwohnerinnen und Einwohner statt.

Unfälle häufen sich oftmals an komplexen und hochfrequentierten Kreuzungen oder Einmündungen. Hier sind unter Umständen mittel‐ bis langfristige Maßnahmen wie Anpassungen der Ampelschaltungen oder Umbauten notwendig. Derartige Planungen müssen teilweise im Gemeinderat diskutiert werden, zumal ein Umbau auch sehr teuer werden kann.

Bürgermeister Schairer sagte: „Gerade weil Unfälle mit Kfz zu schweren Verletzungen bei den Radfahrenden führen können, müssen sich Autofahrende ihrer Verantwortung im Straßenverkehr besonders bewusst sein. Angepasste Geschwindigkeit, die Einhaltung des gesetzlich vorgeschriebenen Überholabstands von 1,5 Meter innerorts und 2 Meter außerorts sowie der Schulterblick beim Verlassen des Fahrzeugs vermeiden Unfälle mit zum Teil schweren persönlichen Schicksalen.“ Der Anteil der Dooring‐Unfälle lag im 1. Halbjahr 2020 bei vier Prozent. Unfälle mit abbiegenden Lkw sind derzeit nicht auffällig; jedoch kann jeder einzelne von diesen zu dramatischen Folgen führen.

Unangepasste Geschwindigkeit bei Radfahrenden

Die aktuelle Analyse zeigt aber auch, dass bei immer mehr Unfällen mit Radverkehrsbeteiligung eine unangepasste Geschwindigkeit der Radfahrenden zu verzeichnen ist. Der Anteil stieg von fünf Prozent (im 1. Halbjahr 2019) auf 13 Prozent (im 1. Halbjahr 2020). In sieben Prozent aller Unfälle haben Radfahrende regelwidrig Verkehrsanlagen genutzt.

„Radfahrende schützen sich und andere – insbesondere Fußgänger – durch rücksichtsvolles und regelkonformes Verhalten“, erläuterte Peter Pätzold, Bürgermeister für Städtebau, Wohnen und Umwelt. Er verwies darauf, dass die Beschwerden der Fußgänger erheblich zugenommen haben. Sie melden Beinahe‐Unfälle oder beschweren sich über rüdes Verhalten von Radfahrenden.

Die Leiterin der Abteilung Straßenverkehr und der Verkehrsbehörde, Susanne Scherz, führte aus: „Es gibt nicht den einen Grund, der zu Unfällen führt. Manchmal mag sich die Wegeführung, manchmal das Handy am Steuer, manchmal Unaufmerksamkeit, manchmal überhöhte Geschwindigkeit auswirken – und manchmal ist es alles auf einmal. Jeder Unfall ist einzeln zu prüfen und in einigen Fällen muss auch die Staatsanwaltschaft ermitteln.“ Sie stellte klar: „Dort, wo wir gefährliche Situationen feststellen, werden wir aktiv. Zum Beispiel mit Schildern, die auf eine Gefahrenstelle hinweisen. Je nach Lage richten diese sich an Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger.“

Claudia Rohde, Leiterin der Verkehrspolizei ergänzte: „Der Straßenraum ist begrenzt. Weil immer mehr Menschen in Stuttgart unterwegs sind, wird das Geschehen dichter. Ihnen allen ausreichend Raum zu geben, heißt: Der zur Verfügung stehenden Raum muss aufgeteilt werden. Geteilt werden muss aber vor allem die Aufmerksamkeit: Es geht nur mit Rücksichtnahme und einem verantwortungsvollen Verhalten aller Verkehrsteilnehmer. Das ist wichtig zum eigenen Schutz sowie zum Schutz der anderen Verkehrsteilnehmer. Unsere Straßen und Wege erfordern ein vorausschauendes Fahren. Jeder sollte seine Grenzen kennen.“

Ausgewählte Knotenpunkte (allg. Unfallhäufungsstellen):

  • Kreisverkehr Daimler-/ Decker-/ Bahnhofstraße
  • Einmündung König-Karl- / Kleemannstraße
  • Wilhelmsplatz
  • Rosensteinbrücke / Einmündung Hochbunker
  • König-Karls-Brücke/ Mercedes- / Schönestraße
  • Kreuzung Tal-/Klingenstraße
  • Kreuzung Landhaus- / Werastraße / Werfmershalde
  • Kreisverkehr Filderhauptstraße / Garbe
  • Kreuzung Böblinger / Engelboldstraße
  • Kreuzung Böblinger/ Christian-Belser-Str.
  • Kreisverkehr Möhringer Landstraße / Am Wallgraben
  • Kreuzung Am Wallgraben/ Industriestraße
  • Ausgewählte Streckenabschnitte (Maßnahmen und/oder Monitoring, aber keine Unfallhäufungslinien):
  • Waiblinger Straße
  • Pragstraße
  • Heilbronner Str. (zwischen Pragsattel und Friedrichswahl)
  • Holzstraße
  • Tübinger Straße
  • Böblinger Straße
  • Neue Weinsteige
  • Tübinger Straße
  • Landhausstraße
  • Unterer Schlossgarten
  • Pforzheimer Straße